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02. Juli 2022

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Chinesen investieren wieder verstärkt in Europa

Chinesen investieren wieder verstärkt in Europa© Pexels.com/Rodnae Productions

Nach pandemiebedingtem Einbruch erhöhen sich Firmenübernahmen 2021 wieder massiv. Anzahl steigt um zwanzig Prozent auf 155 und Wert verachtfacht sich auf über 12 Mrd. US-Dollar. Großbritannien vor Deutschland beliebtestes Ziel, so aktuelle Studie von EY.

(red/czaak) China kommt wieder verstärkt nach Europa. Das monetäre Volumen bei den M&A-Deals verachtfachte sich von 1,5 Mrd. auf 12,4 Mrd. US-Dollar und die Anzahl stieg von 132 auf 155. Die größte Investition war im vergangenen Jahr der Verkauf der Haushaltsgeräte-Sparte von Philips an die Investmentfirma Hillhouse Capital mit Sitz in Hong Kong für 4,4 Milliarden US-Dollar. Die zweitgrößte Transaktion war die Übernahme des britischen Entwicklerstudios Sumo Digital durch Tencent für 1,1 Milliarden US-Dollar, gefolgt von der Übernahme des dänischen Kühlcontainer-Herstellers Maersk Container Industry durch China International Marine Containers (1,1 Milliarden US-Dollar).

Restrukturierung während Pandemiejahre
„Insgesamt bleiben Chinesische Unternehmen bei ihren Investitionen in Europa aber noch zurückhaltend“, sagt Eva-Maria Berchtold, Partnerin und Leiterin Strategy and Transactions bei EY Österreich. „Die meisten chinesischen Unternehmen, die schon im Ausland Firmen übernommen haben, haben sich in den letzten Jahren eher damit beschäftigt, die Restrukturierung in Europa voranzutreiben und das gilt besonders in den Sektoren Automobilzulieferer und Maschinenbau“, so Berchtold.

Ebenfalls dämpfend wirken sich nach Berchtolds Einschätzung die inzwischen hohen Hürden für ausländische Beteiligungen gerade in bestimmten kritischen Branchen sowie steigende Preise durch die zunehmende Konkurrenz über kapitalstarke Finanzinvestoren aus. „In einigen Fällen wollten die chinesischen Interessenten da nicht mehr mitgehen. Besonders die börsennotierten chinesischen Unternehmen fürchten, mit teuren Zukäufen den eigenen Aktienkurs unter Druck zu setzen“, so die Expertin von EY.

Meisten Deals betreffen klassische Industrieunternehmen
In Österreich halten sich die Investoren aus China weiterhin zurück. Wie 2020 gab es auch 2021 nur eine chinesische Übernahme in Österreich. Der in Shanghai börsennotierte Spezialist für Möbelkomponenten, Jiecang, übernimmt um rund 79 Millionen Euro das Deutschlandsberger Technologieunternehmen Logicdata. Das Unternehmen mit seinen rund 270 MitarbeiterInnen soll Angaben zufolge eigenständig bleiben und 20 Millionen Euro sollen in weiteres Wachstum investiert werden. 2019 gab es keine Übernahme in Österreich, 2018 wurden drei Unternehmen übernommen, 2017 waren es fünf. 

Die meisten Deals entfallen nach wie vor auf klassische Industrieunternehmen. 30 der 155 Transaktionen in Europa fanden in diesem Sektor statt. Der Trend bei der Zahl ist allerdings rückläufig: 2020 waren europaweit noch 36 Industrietransaktionen gezählt worden. „Inzwischen sind von den Bereichen Automotive und Maschinenbau eher Subsektoren wie Elektromobilität und Autonomes Fahren gefragt“, erläutert Berchtold.  Auf High-Tech- oder Softwareunternehmen entfielen im vergangenen Jahr europaweit 27 Transaktionen (2020: 20).

Großbritannien löst Deutschland ab
Gestiegenes Interesse gibt es an Spieleentwicklern und Softwareprogrammierern, siehe als Beispiel das starke Engagement von Tencent im vergangenen Jahr. Gestiegen von 16 auf 26 Transaktionen ist auch die Zahl der Übernahmen und Beteiligungen im Bereich Gesundheit. „Pharma, Biotech oder Medizintechnik gehört zunehmend zu wichtigen Zielsektoren chinesischer Unternehmen. Hier gibt es einen großen Nachholbedarf in China, insbesondere bei Forschung und Entwicklung“, sagt Yin Sun, Partnerin und Leiterin der China Business Services bei EY Deutschland.  

Die meisten Transaktionen wurden im Vorjahr in Großbritannien verzeichnet. Mit 36 Übernahmen und Beteiligungen liegt das Land knapp vor Deutschland (35) und deutlich vor den drittplatzierten Niederlanden (13). Im Vorjahr war die Reihenfolge an der Spitze noch umgekehrt: 2020 lag Deutschland mit 28 Transaktionen vor Großbritannien mit 21 Deals. „In dem Maß, wie sich das Interesse chinesischer Investoren weg von klassischen Industrieunternehmen hin zu Technologie-, Software- und Medienunternehmen entwickelt, gewinnt der Zielmarkt Großbritannien an Bedeutung“, resümiert Eva-Maria Berchtold, Partnerin und Leiterin Strategy and Transactions bei EY Österreich.

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red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 08.04.2022