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23. Juli 2018

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Zehn Millionen Postings jährlich macht 27.000 täglich

Zehn Millionen Postings jährlich macht 27.000 täglichderStandard.at: eine der weltweit größten Online-Communities und Vorreiter in der aktiven User-Einbindung. © derstandard.at

Eine der weltweit größten Online-Communities im Bereich klassischer Publikumsmedien bringt neue Herausforderungen im Vorgehen gegen Wut- und Hassposter. Der zuletzt publizierte kritische Kommentar zum Forum des Online-Standard verlangt Ergänzungen. Seriöse Kritik sollte alle Fakten einbeziehen.

(Christian Czaak) Grundsätzlich ging es in der Kritik um die zunehmende Verrohung der Leser- bzw. User-Kommentare und um die Verantwortung eines Mediums auch für (externe) Kommentare auf seiner Plattform. Abseits bis dato vergleichweise verhaltener Postingkritiker, werden Kommentare generell persönlich angriffiger, gewaltbereiter und rein quantitativ nehmen sie geradezu explosionsartig zu.
Das ist ein Trend, der viele klassischen Medien betrifft und der von den sogenannten Sozialen Medien überschwappt. Insbesondere dann, wenn diese verstärkt in Marketingaktivitäten eingebunden werden - was mittlerweile alle klassischen Medien tun. Zumindest bis dato, in Brasilien zieht sich die größte Tageszeitung („Folha de Sao Paulo“) nun etwa von Facebook zurück.

Größte Online-Community auch im internationalen Vergleich
Der Online-Standard hat auch im internationalen Vergleich die wahrscheinlich (weitaus) größte Online-Community im Bereich klassischer Publikumsmedien. Basis hierfür ist seit vielen Jahren die aktive Einbindung der User als zentrale Vertriebsstrategie. „Wir sind auf diesem Gebiet absolute Vorreiter und das weltweit. Medien wie Die Zeit oder auch die Washington Post tauschen sich mit uns aus“, so Gerlinde Hinterleitner, Mitbegründerin derStandard.at und Chefin des Bereichs User-Community & -Content.
2017 zählte derStandard.at eigenen Angaben zufolge in Summe über 9,5 Millionen Posting-Kommentare, der bisherige Spitzenwert zu einem Bericht (Migrationsthema) lag bei 52.000 Postings. Parallel und vergleichsweise hat das Medium auch die (weitaus) größte Anzahl von Ressorts/Channels, Subressorts/Rubriken, Blogs und Kolumnen – und damit eine vergleichsweise weitaus größere Basis bzw. „Angriffsfläche“ für Posting-Kommentare.

Größeres redaktionelles Angebot als Die Presse, Der Spiegel oder die New York Times
Eine schnelle Zählung der rein redaktionellen Bereiche ergibt allein für derStandard.at 18 Ressorts und 91 Subressorts, dazu die Bereiche „Debatten“ und „User“ mit nochmal 10 Ressorts. Zusätzlich dieStandard.at mit 4 Ressorts, 26 Subressorts und mehreren Blogs. In Summe also 32 Ressorts sowie 127 Subressorts und zahlreiche Blogs.
Vergleichsweise kommt etwa diepresse.com auf 11 Ressorts und 56 Subressorts, der kurier.at auf 3 Ressorts und 14 Subressorts. Ergibt für diese beiden Medien zusammen 14 Ressorts und 70 Subressorts und damit rund die Hälfte gegenüber derStandard.at. Derspiegel.de kommt auf 8 Ressorts und 44 Subressorts, die New York Times (nytimes.com) auf 16 Ressorts und 70 Subressorts.

Große Unterschiede auch bei Anzahl einzelner Geschichten
Noch deutlicher zeigt sich der Unterschied zwischen diesen österreichischen Publikumsmedien bei der Anzahl einzelner redaktioneller Geschichten und Berichten. Per Sonntag, 4. März nachmittags, sind auf den Einstiegsseiten von derStandard.at 243 inhaltliche Berichte publiziert, auf kurier.at 58 und auf diepresse.com 34. Auf der Einstiegsseite von derSpiegel.de sind es 82.
Der Ordnung halber sei angeführt, dass die Anzahl der Berichte auf den Einstiegsseiten auch von Grafik und Layout sowie „Länge“ der Seiten abhängig ist. Und Online-Medien wie diepresse.com führen Texte auch mehrfach an, etwa unter „meist gelesen“, „meist kommentiert“ oder „meist gekauft“.

Unterschiedliche Ausgangsbasis für Kommentare
Auch im Vergleich der Posting-Kommentare zeigen sich die unterschiedlichen Welten. Berichte auf diepresse.com haben durchschnittlich maximal 10 Kommentare, einzelne „Aufreger“ wie „Rauchervolksbegehren“ „Trump“ oder „Glawischnig & Novomatic“ zwischen 100 und 300.
Bei kurier.at ist es etwas schwieriger zu zählen, die meisten Texte haben keine Kommentare, nur sog. „Shares“ über soziale Medien, durchschnittlich 10. Nach längerem Suchen zeigen sich einzelne Berichte mit 2 bis 3 Postings, einzig der Bericht zu „Burschenschafter in Aufsichtsräten“ hat 43 direkte Kommentare.
„Normale“ Standard-Berichte liegen mehrheitlich bei 60 bis 80 Postings, viele Geschichten kommen auf mehrere hundert und mehrere Texte und Kolumnen auf über bzw. mehrere tausend Postings. Im direkten Vergleich hat etwa „Glawischnig und Novomatic“ bei derStandard.at (Blog „Krisenfrey“) 1.566 Postings und bei diepresse.com 314. (Stand 4.3.18 – 14.58 Uhr).
Hintergrund für diese Vergleiche ist die entsprechend unterschiedliche Basis für das Posten von Kommentaren. Mehr Berichte ergeben klarerweise mehr Möglichkeiten für Leser-Postings. Ein Kritikpunkt meines Kommentars war nun der Vorwurf, dass ein relevantes Qualitätsmedium im demokratiepolitischen Diskurs auch Sorgfaltspflichten für den Inhalt (externer) Leser-/User-Kommentare hat und sich nötigenfalls mit technischen Mitteln verstärken sollte.

Strategie und Gegenmaßnahmen
DerStandard.at hat derartige Behelfe schon und er setzt sie bereits seit einiger Zeit ein. In einer Replik vom letzten Dezember auf eine (ähnliche) Forums-Kritik des Kommunikationsberaters Peter Plaikner in „Der Journalist“, führt derStandard.at zudem eine neue Strategie an: „Lag früher das Hauptaugenmerk der Moderation darauf, solche Äußerungen (Anm. unsachlich oder verletzend) zu löschen, hat sich dieser Fokus nun auf die Förderung konstruktiver Debatten verschoben.“
Für ein automatisiertes Ranking ausgewählter argumentativer Kommentare zur Hebung der Debattenkultur direkt unter den jeweiligen Text wird ein automatisiertes System (Artificial Intelligence) verwendet, und im neuen Projekt „ForUs“ (gefördert von Google) werden noch weitere Änderungen erarbeitet. Poster sollen selbst Foren eröffnen und bestimmen können, mit wem diskutiert wird und wie lange. Zusammenfassend geht es um mehr Verantwortung der User in den Foren. Gleich bleibt, dass „schweren Verstößen gegen die Community-Richtlinien mit Löschen der Postings oder bei Wiederholung mit Usersperren begegnet wird“.

Proaktive Behandlung des Themas „Wut- und Hassposter“
Erwähnenswert ist zudem, dass derStandard.at das Thema „Wut- und Hass-Kommentare“ auch redaktionell proaktiv behandelt – und auch hier die User zur aktiven Beteiligung in Diskussionsform auffordert. Unter anderem wurde zu den aktuellen Kampusch-Berichten ein eigener Text zum Thema „Wut- und Hassposter“ publiziert und mit einem weiteren Text die User zur aktiven Meinungskundgabe eingeladen.
Zusammenfassend: es gibt vermehrte Wut- und Hasspostings und diese betreffen wie angeführt viele Publikumsmedien bzw. primär die, welche über eine entsprechende Leser-Community verfügen. Auf Grund der vergleichsweise weitaus umfangreicheren Berichte und über die – in dem Fall überhaupt konkurrenzlose – starke direkte Ansprache und Einbindung der User ist derStandard.at entsprechend stärker betroffen.
Das Medium hat auf diese Entwicklung reagiert, schon länger und aktuell verstärkt mit Einbindung der genannten Software und mit mehr personellen Ressourcen für Moderation und Monitoring der User-Foren. Ob die in der Plaikner-Replik angeführten Zielsetzungen wie „positive Veränderung der Debattenkultur mit mehr Verantwortung der Poster auch gegenüber Mitpostern“ aufgeht, wird sich zeigen.
Als gesichert kann aber bereits jetzt angenommen werden, dass sich die allermeisten Medien solche Herausforderungen oder zumindest die zugrunde liegenden Nutzungsvolumina wünschen würden.

Links

red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 05.03.2018