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03. Dezember 2022

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Noch höhere Preise und Druck auf Arbeitsmarkt

Noch höhere Preise und Druck auf Arbeitsmarkt© Pexels.com/mike b

Aktuelle Umfrage von ifo Institut in Deutschland beleuchtet wirtschaftliche Auswirkungen durch Erhöhung bei Mindestlohn. Unternehmen fürchten weitere Preiserhöhungen und Folgen für Arbeitsmarkt.

(red/czaak) Die Deutsche Regierung erhöht den Mindestlohn zum 1. Oktober von 10,45 auf 12 Euro pro Stunde, das sind rund 15 Prozent. Unternehmen in fast allen Wirtschaftszweigen sind davon betroffen. Das Münchner ifo-Institut hat nun 6.900 Betriebe zum Thema Auswirkungen der Mindestlohn-Erhöhung befragt. Fast 31 Prozent der Firmen beschäftigen Mitarbeiter für weniger als 12 Euro pro Stunde. 58 (!) Prozent planen nun als Reaktion auf die Erhöhung des Mindestlohns ihre Preise anzuheben. „Das dürfte die ohnehin schon hohe Inflation weiter antreiben“, sagt Sebastian Link, Arbeitsmarktexperte am ifo-Institut in München (D).

Preiserhöhungen sind damit die am häufigsten genannte Folge. Nur knapp 13 Prozent der betroffenen Unternehmen planen aufgrund der Erhöhung Stellen abzubauen. Rund 83 Prozent wollen die Zahl der Beschäftigten gleich halten, und 5 Prozent möchten sie erhöhen. Die durchschnittliche Arbeitszeit der Beschäftigten wollen 18 Prozent der betroffenen Unternehmen verringern, ebenso rund 18 Prozent denken über Kürzungen bei zusätzlichen Lohnbestandteilen wie Sonderzahlungen, Boni und geldwerten Vorteilen nach.

Reduzierte Investitionen in vielen Bereichen
Die betroffenen Unternehmen wollen zudem ihre Investitionen sowie Fortbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen eher zurückschrauben (21 Prozent und 11 Prozent) als ausbauen (Rund 5 Prozent). „Die große Mehrheit der betroffenen Unternehmen plant demnach nicht, die teurer gewordenen Arbeitskräfte durch Kapital zu ersetzen oder in das Wissen der Beschäftigten zu investieren, um deren Produktivität zu steigern“, sagt Link.

Viele Befragte vermuten, dass sich ihre Einkaufspreise in Folge der Mindestlohnanhebung erhöhen werden. Von den direkt betroffenen Unternehmen erwartet dies knapp die Hälfte, unter den nicht direkt betroffenen Unternehmen beläuft sich dieser Anteil auf 29 Prozent. Ferner rechnen knapp 53 Prozent mit schrumpfenden Gewinnen, 32 Prozent mit abnehmender Wettbewerbsfähigkeit und 23 Prozent mit weniger Nachfrage als Folge der Mindestlohnerhöhung.

Angst vor Rezession
Beim Thema Wirtschaftsleistung erwarten die ifo-Experten im kommenden Jahr nun ein Schrumpfen um 0,3 Prozent. Heuer prognostizieren sie noch 1,6 Prozent Wachstum. Die Geldentwertung dürfte im kommenden Jahr bei über 9 Prozent liegen. „Die Kürzungen der Gaslieferungen aus Russland und die dadurch ausgelösten drastischen Preissteigerungen verhageln die wirtschaftliche Erholung nach Corona. Erst 2024 erwarten wir eine Normalisierung mit 1,8 Prozent Wachstum und 2,5 Prozent Inflation“, so ifo-Experte Timo Wollmershäuser.

Im Vergleich zum Juni senkt das ifo seine Wachstumsprognose für 2023 um 4 Prozentpunkte und ebenso deutlich fällt die erhöhte Inflationsprognose um 6 Prozentpunkte aus. „Das sind ungewöhnlich hohe Änderungen in einem so kurzen Zeitraum“, betont Wollmershäuser. Die Energieversorger passen vor allem zu Jahresbeginn 2023 ihre Strom- und Gaspreise spürbar an die hohen Beschaffungskosten an. „Das werde die Inflationsrate im ersten Vierteljahr 2023 sogar auf etwa 11 Prozent hochtreiben“, so der ifo-Experte.

Kaufkraft sinkt spürbar
Die realen Haushaltseinkommen gehen damit kräftig zurück und damit sinkt auch die Kaufkraft spürbar. Das dritte Entlastungspaket der deutschen Bundesregierung dürfte diesem Rückgang zwar etwas entgegenwirken, ihn aber bei weitem nicht ausgleichen. „Der Kaufkraftverlust, gemessen am Rückgang der realen Pro-Kopf-Löhne, ist so hoch wie nie zuvor seit dem Beginn der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen im Jahre 1970“, betont Wollmershäuser. Im weiteren Verlauf des kommenden Jahres soll sich der Preisanstieg allmählich abschwächen.

Dabei nimmt das ifo Institut an, dass im Winter genügend Gas zur Verfügung steht. Deshalb sollten die Energiepreise nicht weiter steigen und spätestens ab dem Frühjahr 2023 wieder sinken. Schwere Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt erwartet das ifo Institut nicht. Der Beschäftigungsaufbau werde sich nur vorübergehend verlangsamen. Der Anstieg der Arbeitslosen um gut 50.000 Personen im kommenden Jahr gehe vor allem auf den sprunghaften Anstieg von arbeitslosen UkrainerInnen letzten Sommer zurück, diese können nur langsam in den Arbeitsmarkt integriert werden.

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red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 27.09.2022