Unabhängiges Magazin für Wirtschaft und Bildung

15. August 2018

Search form

Search form

Der ewige Kampf der Geschlechter

Der ewige Kampf der Geschlechter© piqs.de/dflam

Der vierte Abschnitt der sommerlichen Entschleunigungstexte handelt, systemimmanent etwas umfangreicher, von ärgerlichen Erfahrungen und Verwunderungen über feminine Ösi-JournalistInninnen, Nach einem männlich dominierten Spiegel-Bericht über das politische Österreich gab es entsprechende Diskussionen bis rauf zu Kasandra, der Ehefrau unseres ja extra sommerlich konzipierten Shlomo Abdullahs.

(Christian Czaak) Im Urlaub sollte gewöhnlich mehr Zeit für persönliche Vorlieben bleiben und dazu gehört für unseren und nunmehr hoffentlich schon auch ein wenig Ihrigen Shlomo Abdullah auch das ausgiebige Lesen von Zeitungen und Magazinen. Bücher eher nicht, dafür hat Shlomo zu wenig Sitzfleisch. Auf Grund einer mittlerweile schon neunundzwanzig Jahre laufenden beruflichen Vorgeschichte hat Shlomo dafür einen etwas anderen, vergleichweise kritischeren Zugang zu Medien und daraus resultiert, dass er, primär als Leser, von österreichischen Medien nur mehr ein Wochenmagazin namens Falter im Abonnement bezieht plus, sozusagen werbetauglich, seinen bis dato schon nahezu unendlichen Horizont mit der Tageszeitung für den (zumindest seinerzeit) „großen Horizont“, vulgo „Die Presse“, noch ausweitet - oder dann möglicherweise zeitweise doch wieder endlicher macht.

Der Falter gilt unter lesenden Experten und nach sogenannter landläufiger Meinung als politisch sehr links, Die Presse weitgehend als bürgerlich und nur mehr manchmal, in zunehmend abnehmender Form als konservativ. Das Land Österreich ist aber mittlerweile sehr klein, die Grenzen daher möglicherweise auch im übertragenen (geistigen) Sinn eng gesteckt und um diese gesellschaftspolitisch auch entsprechend eng konträren Positionen für diese knapp bemessene Region etwas zu durchlüften, bezieht Shlomo auch die deutschen Wochenzeitungen Die Zeit und Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) sowie das Wochenmagazin Der Spiegel im Abo. Die Zeit und Der Spiegel gelten politisch als linksliberal, die FAS auch als bürgerlich-konservativer (insbesondere nach dem Ableben des weitsichtigen Frank Schirrmacher) und so sollte zumindest eine halbwegs ausgewogene, beziehungsweise gesellschaftspolitisch belastbare inhaltliche Basis zur Informationssichtung Gültigkeit haben.

Eine messertödliche Beziehungstat als „natürliche Auslese“
Aus seinerzeitiger (beruflicher) Nähe poppt bei Shlomo dann auch noch täglich die Online-Tageszeitung derStandard.at auf und das seit nunmehr 23 Jahren. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und Shlomo das allergrößte und so ist diese Zeitung sozusagen die inhaltliche Spange für die Vergleichbarkeit bestimmter Themen und journalistischer Zugänge, in Summe auch Mainstream-Journalismus genannt. Bis dato galt die seinerzeitige Qualitätszeitung Der Standard auch als linksliberal, nun arbeiten die verstärkt sozialmedial abgesaugten Userposter, vulgo Online-Leser, gleichermaßen ver- und entsprechend massenhafttauglich gestärkt an einer medienpolitischen Verschiebung in Richtung national-reaktionärer Meinungsraum.
Und das zunehmend durchzogen mit totalitären oder zumindest autokratischen und manchmal auch gewaltbereiten oder zumindest sehr verrohten Einflüssen. Erst kürzlich bezeichnete ein/e PosterIn eine messertödliche gegenseitige Beziehungstat eines Elternpaares in direkter Anwesenheit ihrer drei kleinen Kindern als „natürliche Auslese“, was (wieder einmal) durch die zuvor bei vergleichsähnlicher Kritik schon mehrmals medieneigengelobte Wartung des Forums als Ort der überschautwachten Meinungsäußerung augenscheinlich „durchrutschte“ - und auch von keinem anderen User (Leser) gemeldet wurde.
Dafür schrieb der neue, mehr als acht Monate im Amt befindliche Standard-Chefredakteur Martin Kotynek seinen ersten Text. Thema war eine zuvor von mehreren anderen ChefredakteurInnen gestartete Initiativverteidigung der Pressefreiheit, an die sich der Standard erst nach einer zweitägigen Schrecksekunde, weil nicht gleich mit einbezogen (warum wohl?), anschloss und worauf Die Presse-Chefredaktor Rainer Nowak „Welcome!“ in Richtung Kotynek twitterte und ein anderer, vergleichsweise nicht ganz so prominenter Publizist „Good Morning“.

Der Spiegel-Aufmacher mit dem Titel „Der kleine Braune“
Aber das mit dem verrohenden Standard-Forum ist eine bereits vergangenes Frühjahr beleuchtete andere Geschichte. Shlomo hat sich seit damals als aktiver Post(l)er verabschiedet, nimmt aber das Forum seither als Gradmesser für bestimmte gesellschaftspolitische Tendenzen, beziehungsweise bezüglich deren Abzweigungen mit sodann naturgemäß (ent)menschlich(t) möglichen Entgleisungen. Zurück zum eigentlichen Thema, zurück zu Urlaub und Entschleunigung aber zuvor noch zurück zum aktuellen Ärger und dieser nimmt seinen Ausgang in einer Titelgeschichte des deutschen Spiegel über Österreich.
Der Autor Ullrich Fichtner, als auch lesender Spiegel-Abonnent bekanntermaßen erfahrener Spezialist für internationale politische Entwicklungen, schildert auf vergleichsweise umfangreichen rund zehn Seiten unter dem Aufmacher-Titel „Der kleine Braune“ die aktuellen politischen Entwicklungen in Österreich. Anlässlich der österreichischen Übernahme des EU-Ratsvorsitzes geht es um journalistisch altbewährte Themen wie, dem Sinn nach, politische Tendenzen nach rechts, Flüchtlinge, Migration, soziale Erkältungen oder Vergleiche mit autokratischen Entwicklungen in anderen europäischen Ländern.

Nationalkonservative Strömungen und anti-europäische Abwege
Autor Fichtner führt eigenen Angaben zufolge in Summe mehr als dreißig Gespräche und lässt sodann im Text zahlreiche Einheimische zu Wort kommen, von kleineren und größeren freiheitlichen Gemeinde- und Landespolitikern über sozial benachteiligte Frauen und jüdisch-stämmige linksliberale Intellektuelle bis hin zu Journalisten wie Florian Klenk, immer motivierter Chefredakteur des Falter oder Anneliese Rohrer, langjährige Chefreporterin von Die Presse und nunmehr immer mit offenem Visier in alle politischen Richtungen klartext-schreibende Kolumnistin ebendort. Aus Shlomos Lesersicht liest sich Fichtners-Text kritisch-objektiv und unaufgeregt, er, der Text, kommt weitgehend ohne die nun schon länger und auch quer durch alle (sogenannten) Qualitäts-Medien üblichen tendenziösen Formulierungen und Meinungen aus.
Hauptthema und Botschaft des Textes ist die (gesellschafts)politische Situation in Österreich, ein wenig aus historischer Sicht und primär im Kontext verschiedenartiger Entwicklungen von Demokratie in Europa mit ihren aktuellen nationalkonservativen Strömungen und einer möglichen Gefahr von anti-europäischen Abwegen. In Summe ein journalistisch guter und absolut professioneller Text mit zahlreichen verschiedenen Sichtweisen auf Basis einer sicher umfangreichen Recherche und eben weitgehend ohne persönliche Meinungsmache des Autors.
Mit dem Material kann sich Shlomo ein eigenes Bild machen und/oder vorhandene Eindrücke sowie Gewissheiten verdichten und so soll das ja auch sein mit ordentlichen journalistischen Texten. Fehlen tut Shlomo nur ein wirtschaftpolitischer Aspekt, immerhin hat etwa der deutsche Infineon-Konzern gerade einen milliardenschweren Ausbau der Niederlassung in Kärnten beschlossen und bei der Vorstellung politische Rahmenbedingungen und Qualität des Standortes Österreich als Entscheidungsgrundlage angeführt.

Schwarz und Weiß als mediale Modefarben unserer Zeit
Shlomo steht mit seiner Sichtweise zum Spiegel-Text(er) allerdings weitgehend allein da. Während Chefredakteur Rainer Nowak in Die Presse noch eine Art „im eigenen Saft braten“ beklagt, weil seiner - in einem Leitartikel - geäußerten Ansicht nach zu viele gleich denkende sowie sich gut kennende und schätzende linksliberale Journalisten und Denker wie eben Klenk und die auch befragten Doron Rabinovici, Robert Misik oder Robert Menasse zu Wort kamen. Und nicht etwa auch die Bundesregierung oder der Bundeskanzler, der zudem (sträflicherweise laut Nowak) „als 31-jähriger Kleinbürgersohn aus Wien mit dem Gesicht eines milden Apostels“ beschrieben wird.
Nowak gibt generell zu bedenken, dass „zu umfangreiche Recherche die Geschichte zerstört“, da so „die angedachte These eines journalistischen Stückes nicht verifiziert werden kann“ und „der Beitrag womöglich ein differenziertes Bild zeige und im schlimmsten Fall nur Grautöne liefert obwohl doch Schwarz und Weiß die medialen Modefarben unserer Zeit sind.“ Shlomo mag auch die Weiß beeinträchtigenden Grautöne und teilt diese Meinung nicht aber er schätzt Rainer Nowak als Journalist wie Blattmacher und auch auf Grund seines, Nowaks, subtilen Humors und denkt sich daher nur, dass in dem Nowak möglicherweise auch ein gar nicht so kleiner Literat mit möglichen philosophischen Neigungen steckt – auch wenn er wahrscheinlich sicher nicht wie Shlomo im vorstädtischen Hernals sozialisiert wurde und vergleichsweise eher gut-, bitte gut- und nicht etwa auch kleinbürgerliche Wurzeln hat.

Zwei Frauen als journalistische Speerspitze eines ausrastenden Ösi-Mobs
Rainer Nowak ist in weiterer Fichtner-Folge aber nur eine sprachlich und inhaltlich auf Augenhöhe argumentierende Art Eisbrecher eines nun regelrecht ausrastenden Ösi-Mobs und das in dem Fall nur gedanklich schreiberische „Ausrasten“ für den journalistischen Bereich ist dabei, geschlechtskorrekt, weiblich geführt. Als Erste startet die ORF-Unterhaltungspräsentationsmoderatorin Martina Rupp auf Facebook mit „warum wird im ganzen Spiegel-Artikel nur eine einzige Frau zitiert?!“ – und gleich drauf sekundiert eine der wirklichen Leit- und Leuchtfigurinnen (zumindest bis zur Wiener Stadtgrenze) des heimischen Feminismus, parallel auch Infochefin des privaten TV-Senders „Puls4“, Frau Corinna Milborn, über ihren Twitter-Kanal: „Lasst uns helfen – wer wurde nicht gefragt und hätte was gesagt?“ Die Worte „uns“, „nicht“ und „hätte“ sind von ihr exakt so und in dieser Formulierung angeführt.
Shlomo muss den Kopf heftig schütteln. Soll er sich weiblich-feminine Seelenerkundung bei seiner Kasandra suchen? Nein danke, wirklich nicht, beziehungsweise zumindest jetzt noch nicht. Shlomo fühlt sich hier inhaltlich berufen genug, will sich erst selbst in die weitere Entwicklung einlesen und dazu dient einmal der Erklärungskommentar von Spiegel-Autor Ullrich Fichtner im auf die Spiegeltext-Erscheinung folgenden Falter (da das Falter-Archiv nur für Abonnenten zugänglich und Link nicht geht, ist Fichtners erklärender Faltertext anschließend im textlichen Original angefügt). Wobei, Erklärung? Eher eine rechtfertigende Bestätigung und dafür denkt sich Shlomo: eigentlich Hut ab. Ein g’standener Spiegel-Redakteur, der auf kritisches LeserInnen-Feedback mit einem eigenen Text reagiert verdient Respekt und dazu auch (noch) der Falter, der dem Raum gibt. Shlomo recherchiert intensiver - und liest die Leserbriefseite des nächsten Spiegel. Spätestens jetzt zahlt sich das Abo aus.

Die typisch österreichische Doppelmoral und journalistische Twitterblasen
In der Tat, von fünf publizierten Leserbriefen (vier Männer und eine Frau) sind vier negativ und nur einer dem Text zustimmend. Der Tenor geht in Richtung „nur linke Ideengeber“, „oberflächlich, arrogant, besserwisserisch, „Sie stellen ein Land genüsslich in die braune Ecke“, „linkes Gesinnungsgebläse“. Keine einzige der abgedruckten Kritiken bezieht sich auf fehlende weibliche Sichtweisen. Shlomo weitet die Recherche aus und liest nun auch Fichtners Replik im Falter ganz. Dieser schreibt da nun sogar von zwei Teilen der Kritik und schildert bereits für den ersten Teil hässliche Begriffe wie „Arschloch“, „Dummschwätzer“ und, dass er als „Vorhut einer linken Meinungsdiktatur“ bezeichnet wird. Diese Begriffe waren in den Leserbriefen nicht gefallen, sie können daher nur über die weitgehend journalistische Twitter-Blase gekommen sein. Shlomo ist jetzt entsprechend auf den zweiten Teil gespannt, da können ja dann eigentlich nur mehr strafrechtlich relevante Sachen folgen.
Es kommt aber zumindest atmosphärisch (für Männer) noch schlimmer. In Erinnerung und Anwendung der Männer seither und in alle Ewigkeit verfolgenden #MeToo-Debatte, erzählt Fichtner von einem „Twitter-Gewitter“ und bezieht sich dabei auf die angeführten schreiberischen Ergüsse von Frau Rupp und Frau Milborn bezüglich der im Österreich-Text fehlenden weiblichen Stimmen. Allerdings, und da wird Shlomo nun hellöhrig, beziehungsweise hellaurig, Fichtner berichtet, er hätte sich sehr wohl um mehrere Interviews mit Frauen bemüht – und: diese hätten ihm aber abgesagt und eine dieser absagenden Damen würde nun sogar gegen ihn, Fichtner, „zetern“. Shlomo kommt sogleich der Begriff Doppelmoral in den Sinn. Typisch österreichisch und aus Shlomos Sicht geprägt vom (nicht nur) in Österreich vorherrschenden Katholizismus.

Der zentrale Anlass für Shlomos Ärger
Shlomo wurde, wie nun bereits hoffentlich hinlänglich bekannt, in der Wiener Vorstadt sozialisiert, lebt nun seit knapp zehn Jahren am Land und kennt die Charaktere vieler, sogenannter gläubiger Menschen, die brav und wirklich jeden Sonntag in die Kirche gehen. Mit der christlichen Nächstenliebe oder liberaleren Positionen ist es abseits der Kirche dann aber oftmals ganz schnell vorbei. Im Mittelpunkt stehen dann überwiegend sehr nationale Sichtweisen und zunehmende Tendenzen und das gilt für viele (Bundes)Länder, insbesondere auch Tirol, wo Shlomo neben Wien und dem niederösterreichischen Weinviertel ebenfalls Familie hat. Aber das ist eventuell eine andere Geschichte, zurück zum eigentlichen Thema und zum Ärger Shlomos, der sich nun der zentralen Ursache nähert.
Spiegel-Autor Fichtner schreibt eine politische Geschichte über Österreich, erntet dafür mehrteilige Kritik und sowohl der Spiegel als Medium wie auch der Autor selbst stellen sich er- und aufklärend diesen Kritiken. Fichtner sogar auf einer ganzen Seite im Falter und über die sogenannten Sozialen Medien. So weit, so gut und fair - auch nach publizistischen und redaktionellen Kriterien, zumindest nach denen, die Shlomo gelernt hat. Jetzt folgt aber noch ein Akt und der ärgert Shlomo regelrecht maßlos. Im aktuellen Falter, zwei Wochen nach der Spiegel-Geschichte und eine Ausgabenwoche nach der erklärenden Fichtner-Rechtfertigung, lässt (letztendlich) Falter-Chefredakteur Klenk nochmals Frau Corinna auf einer ganzen Seite gegen Fichtners-Geschichte schwadronieren.

Das Prinzip der schulischen Erziehung zur Gleichstellung
Unter dem Titel „Wenn Frauen keine Stimme haben“ wärmt Frau Corinna bereits bekannte und bereits entkräftete Vorwürfe auf. Fichtners Erklärung, dass keine Frauen reden wollten, wird als „Ausrede“ abgekanzelt. Einmal in femininer Fahrt, wirft sie Fichtner vor „sich an keine einzige der führenden intellektuellen Frauen des Landes“ gewandt zu haben. Shlomo fällt jetzt in der Schnelle außer Elfriede Jelinek (die sich nicht äußert) und Eva Menasse leider keine weitere ein aber vielleicht meint Frau Corinna hier sich selbst und verwendet hier abermals (wie bei ihrem Twitter-Erguss) den Pluralis Majestatis? Shlomo kommt gar nicht zum Überdenken einer Antwort, Frau Corinna nimmt weiter Fahrt auf: „Fichtner evoziert die Zeit der Kaffeehausliteraten, in der dieser öffentliche Raum Männern vorbehalten war und Frauen sich auf private Salons beschränken mussten“ ... „Männer haben Stimme, Frauen gehören ins Haus.“ Evoziert bedeutet übrigens in der Nachschau „hervorrufen“.
Shlomo ist jetzt kurzfristig beeindruckt von dieser Wortwahl und ja, alle Frauen gehören wirklich nicht ins Haus. Corinna Milborn spannt dann noch den Bogen zur aktuellen Politik, wo „im Regierungsprogramm nicht die Gleichheit (von Mann und Frau) sondern die Ungleichheit festgeschrieben ist“, es stehe nämlich „Die Verschiedenheit von Mann und Frau zu kennen und anzuerkennen ist ein Bestandteil menschlichen Lebens und damit unantastbar mit der Würde des Menschen verbunden.“ Ein weiter Weg von Fichtners Geschichte weg, Shlomo kann ihr auf diesem geistigen Höhenweg nicht mehr folgen.
Aber dann steigt Milborn dankenswerter Weise wieder herunter in die Gegenwart: „In den Schulen strich die Regierung ersatzlos das Unterrichtsprinzip der Erziehung zur Gleichstellung von Frauen und Männern.“ Ein Prinzip streichen? Jetzt wird es zumindest philosophisch und Shlomo nimmt sich vor, die praktische Anwendung dieses Prinzips beim nächsten Elternsprechtag in der Schule genauer zu hinterfragen. Blöderweise gibt es in der Volks- und Mittelschule sowie im Polytechnikum in Shlomos Heimatgemeinde nur zwei Männer unter insgesamt rund vierzig Lehrkräften. Die männerlosen Welten in der kindlichen Frühpädagogik, ha, Shlomo wird Infochefin Milborn dieses Thema für eine ihrer TV-Sendungen vorschlagen und da kann sie eigentlich nicht ablehnen.

Shlomo hätte auch einen Platz in der Milborn-Kiste
In weiterer Folge berichtet Milborn von Folgewirkungen „wenn Frauen einen Platz in der Öffentlichkeit fordern“. Sie schreibt von „gereizten bis aggressiven Reaktionen von Männern“ und das hätte einen Grund. Milborn: „Dieser heißt Machtverlust. Hätten mehr Frauen Öffentlichkeit, würden weniger Männer vorkommen.“ Shlomo muss an den sprichwörtlichen kleinen Maxi denken, wobei: besser an die Maxima. Frau Corinna bringt aber ein Beispiel zur Untermauerung ihrer These: „Ich komme nicht deshalb vor, weil ich ein Mann bin!“ schrieb ihr einer der Protagonisten aus der Geschichte. „Nein, du kommst vor, weil du viel zu sagen hast. Aber wärst du eine Frau und hättest du ebenso viel zu sagen, wärst du nicht vorgekommen. So einfach.“ Shlomo muss das noch mal lesen – aber es steht da tatsächlich genau so. Puh. Shlomo denkt an die Paar-Therapien mit seiner Kasandra und an einen Satz des Psychotherapeuten: „Männer haben mehr rationale Fähigkeiten, Frau ticken einfacher, dafür emotionaler.“
Milborn schlussfolgert sodann: „Wer eine gleichgestellte Gesellschaft will, muss sich darum bemühen, dass Frauen Öffentlichkeit bekommen. Das ist nicht einfach und auch ich scheitere wöchentlich daran und stelle mich jede Woche der Kritik.“ Ist jetzt wöchentlich viel oder wenig, welche Relevanz hat diese Zeitangabe? Welche Relevanz hat dieser ganze Artikel nach den ohnehin schon umfassend erfolgten Erläuterungen und Gegenerläuterungen? Eigentlich unfassbar denkt sich Shlomo. Er wird nahezu aggressiv – und passt damit jetzt in die Milborn-Kiste. Aber nur bedingt. Shlomo ärgert sich als Publizist und zahlender Abonnent und Leser des Falter über diese inhaltliche und formatbedingte Platzverschwendung. Und er ärgert sich über die unaufhörlichen femininen Prügel gegen alle Männer und die aus seiner Sicht aufgepoppte Doppelmoral. Wehe ein deutscher Journalist hätte es gewagt eine österreichische Geschichte (auch eine über Deutschland) zu kritisieren. Mehr hätte er (oder sie) nicht gebraucht.

Shlomos subjektive Sichtweise
Shlomos Grant und Vorwurf der Doppelmoral bezieht sich aber auch auf den Falter-Chefredakteur Florian Klenk. Dieser, ansonsten bekannt für generell markige, offene und auch politisch klartext-vermittelnde Sprüche und Texte, wird im Spiegel-Text auch zu seiner politischen Sichtweise über Österreich befragt. Ort der Befragung ist das innerstädtische Restaurant „Zum Schwarzen Kamel“, bekannt für seine gesprächsintimen Nischen und Spiegelwände. Klenks Antwort: „Urteile über Österreich sind schwer, weil man nie weiß, woran man ist. Es ist wie mit diesen Nischen hier, mit den Spiegeln. Wenn einer vorbeigeht, sieht man ihn von vorn im Spiegel, obwohl er in Wahrheit von hinten kommt. Und kommt einer von rechts, sieht man ihn zuerst im Spiegel links. So ist das bei uns.“
Aha. Aus Shlomos Sicht ist das zwar eine schöne Metapher und möglicherweise auch literarisch wertvoll. Aber warum redet Klenk nicht von den ja auch allwöchentlich im Falter behandelten Themen rund um Justiz, Geheimdienst, Militär, Exekutive, rechte Liederbücher, Integrationsprobleme, Kulturbudgets, Genderdebatten, Medienpolitik, ORF-Knebelungen? Jetzt hätte er Gelegenheit auch über die Landesgrenzen hinaus Gehör zu finden. Shlomo kann nur medienpolitische Vermutungen anstellen, für eine Stellungnahme Klenks bleibt keine Zeit und außerdem ist dieser Text hier ja eine Art Kommentarg(l)osse. Subjektiv, aus der Sicht Shlomos als Mann, als Publizist und als zahlender Falter-Abonnent. Da braucht es keine anderen Sichtweisen.

Kasandra weigert sich
Jetzt muss bitte nur noch Kasandra den Text gegenlesen. Doch sie weigert sich. „Die lange Wurst?! Das glaubst’ ja selber nicht. Keine Zeit für so einen Scheiß! Die Kinder wollen essen, ich muss einkaufen, das Haus gehört geputzt und bis morgen gehören noch mehrere Texte für eine Webseite illustriert!“ Sie will nicht einmal eine Meinung zur kurz erzählten Debatte abgeben. Shlomo wird nachdenklich, er wird ihr zumindest die Hausarbeit abnehmen. Damit bleibt zumindest die Hoffnung nicht als ewiggestriger Schwanzträger dazustehen und, bei aller lustvollen schreiberischen Zuspitzung und Polemik, niemanden ernsthaft oder persönlich mit seinen Ausführungen verletzt zu haben.
Eventuell wäre bei dieser schwierigen Thematik generell mehr Differenzierung angebracht, mehr genaues und faires Maß. Shlomo will bei sich selbst anfangen. Aber erst beim nächsten Mal, nun er ist müde geworden und die Tinte der Tastatur ist auch nahezu aufgebraucht (Shlomo kann auch Metaphern). Jetzt nur noch die Auswahl des gewohnt passenden Musikstücks und dann ist Schluss. Aber nur für heute, Shlomo muss wachsam bleiben. Diese Thematik wird ihn und die Gesellschaft noch länger verfolgen. Und niemand soll am Schluss sagen Männer hätten keine Empathie.

--------------

Der Text von Spiegel-Autor Ullrich Fichtner aus dem Falter Nr. 28 vom 11. Juli 2018.

Was ist da eigentlich los?

Hat der deutsche Spiegel ein verzerrtes Bild von Österreich gezeichnet? Der Spiegel-Autor Ullrich Fichtner antwortet (im Falter) auf die Kritik.

Gemessen an den österreichischen Reaktionen auf meinen Artikel "Kleiner Brauner" bin ich ein beschissener Journalist, oberflächlich, herablassend, parteiisch. Österreich als Nation werde in meinem schlecht recherchierten "Scherzartikel" in den Dreck gezogen. Ich sei "die Vorhut einer linken Meinungsdiktatur", die alle Österreicher in schlimmster Spiegel-Manier als Hinterwäldler und Trottel hinstelle, ein "Dummschwätzer", der Klischees und "Gesinnungsgebläse" produziere und offenkundig ein "Arschloch" sei. Und das war, sportlich gesagt, nur die erste Halbzeit.

Die zweite wurde Ende vergangener Woche gespielt, als es im Zuge eines Twitter-Gewitters weitere Vorwürfe hagelte. Einigen Leserinnen war nämlich aufgefallen, dass da ja auf zehn Seiten nur eine einzige Frau zu Wort komme (nochmals danke, Anneliese Rohrer!). Meine Entgegnung, ich hätte mich schon um Interviews mit Frauen bemüht, aber leider viele Absagen erhalten, wirkte wie Öl ins feministische Feuer, und es hätte nicht viel gefehlt, und ich wäre auch noch durch die #MeToo-Arena geschleift worden. Es hat sogar eine Frau gegen mich mitgezetert, der ich ein Treffen angeboten hatte, die mich aber lieber an einen ihrer männlichen Kollegen verwies. Was sagt man da?

Um den Beruf des Journalisten kreisen in unseren demokratisch verunsicherten Gesellschaften viele Missverständnisse. Befragungen von Spiegel-Lesern ergeben zum Beispiel, dass gar nicht wenige Leute glauben, die Regierung oder Frau Merkel persönlich könne bei unserer Redaktion Artikel "bestellen". Das hätte ich bis vor zwei Jahren einfach so stehen lassen. Heute füge ich sicherheitshalber an: Das kann sie natürlich nicht. Genauso wenig kann jemand Frauenquoten für Interviewpartner verlangen oder einen repräsentativen Ausländeranteil im Personal einer Recherche. Wozu auch?

Der Stolz jeder unabhängigen, freien Presse liegt darin, keinen Weisungen zu folgen, selbst wenn sie gut gemeint sind. Das beginnt bei der Themenwahl. Im konkreten Fall muss man als Österreicher (und als Österreicherin) wissen, dass sich der Rest der Welt generell nicht besonders für die inneren Angelegenheiten Österreichs interessiert. Das Land wird nur interessant, wenn es über sich hinausweist. Das ist der Fall, so sehr das manchen nerven mag, wenn es um die Nazi-Vergangenheit und ihre (mangelhafte) Aufarbeitung geht, und es ist der Fall, wenn zu befürchten steht, dass auch Österreich auf anti-europäische Abwege geraten könnte. Dann fragt man sich als Europäer, als Deutscher ganz schlicht: Was ist da eigentlich los in Österreich? Und so beginnt, was man Recherche nennt.

Der Blick von außen kann für Einheimische sehr interessant sein, weil Fremde das nationale Kleinklein nicht kennen und sich folglich nicht darin verstricken können. Jeder Jugendliche in Österreich dürfte größere Detailkenntnis über den Alltag seines Landes haben als ein deutscher Reporter wie ich. Der Zugereiste interessiert sich also gezwungenermaßen fürs Große und Ganze, aber wenn er sich ordentlich Mühe gibt, dann kann es geschehen, dass er mit seinem Abstand wichtige Dinge schärfer sieht. Dinge, die Einheimischen oft gar nicht mehr auffallen. Sprachduktus. Denkmuster. Kollektive Gewissheiten. Fromme Lügen.

Ein Journalist betreibt immer auch Soziologie, und dafür braucht er eine Haltung und ein Handwerk. Die Haltung leitet sich idealerweise nicht aus Ideologie, sondern aus allgemeinen Grundrechten und menschlicher Empathie ab. Und das Handwerk des Journalisten ist, wenn man es richtig versteht, auch kein Spaziergang. Man muss sehr viel lesen und gegeneinander abwägen, und dabei geht es nicht darum, zur Wahrheit vorzustoßen, sondern darum, möglichst wenig Unsinn zu erzählen. Seriöse Journalisten erarbeiten sich gut vertretbare Positionen, wofür sie sich mit historischen, ökonomischen, sozialen, politischen Fakten vollsaugen. Und das sind alles nur die Vorarbeiten.

Die eigentliche Erkundung kommt danach, es folgen Ortsbegehungen, Interviews, Reisen, und am besten würde man nun alles Angelesene wieder vergessen, um nicht nur das bereits Bekannte wiederzuerkennen. Man muss offen bleiben. Szenen suchen, die sprechen. Menschen finden, die für etwas stehen. Und dabei ist viel Zufall im Spiel, auch gendermäßig.
Mir wird vorgeworfen, ich hätte meine Interviewten bewusst einseitig ausgesucht und den ersten Bezirk Wiens praktisch nicht verlassen. Wer das sagt, hat nicht gelesen. Der relativ größte Raum des Textes wird auf meine Begegnung mit einem Kärntner Bürgermeister von der FPÖ verwendet, der aber keineswegs als Nazi karikiert, sondern in seinen sachlichen Bemerkungen sehr ernst genommen wird. Mein Spektrum der Befragten war auch sonst groß, es ging von ganz links bis ganz rechts, aber viele Gespräche gingen eben nur in mein Hintergrundwissen ein, allein schon aus Platzgründen.

Einmal saß ich beim Verein "Asyl in Not" und habe dort vor der Tür, im Wuk, mit einer Bosnierin geredet, die schlecht Deutsch sprach und Angst davor hatte, das Wohngeld gestrichen zu bekommen. Beim Bau des Textes fiel diese Szene heraus, es gibt dafür keinen tieferen Grund, es schien mir einfach ein textliches Erfordernis. Dasselbe gilt für einen mühsamen Abstecher zum Peršmanhof in den Karawanken, wo ich mit slowenischen Arbeitern ins Gespräch kam, die die im Hochwald versteckte Partisanen-Gedenkstätte gerade renovierten. Auch das war ein guter Moment, aber wer als Reporter ausführlich recherchieren darf, muss am Ende unter Schmerzen 90 Prozent des gesammelten Materials wieder wegwerfen. Im besten Fall fließt es in die Verdichtung des Textes ein, in die Urteile.
Sie sind, das gebe ich zu, stellenweise recht hart, und vielleicht war es unnötig, den Herrn Bundeskanzler als "Kleinbürgersohn" zu titulieren. Es ist nur so: Die heimische Bewunderung für Sebastian Kurz, das fällt jedem auf, der dieser Tage Österreich besucht, kennt ja keine Grenzen, und sie trägt deshalb oft unfreiwillig komische Züge. Und wenn dann zum Beispiel in Zeitungen steht: "Berlin liegt Kurz zu Füßen", dann hat man als Journalist, egal ob einheimisch oder ausländisch, den Auftrag zum Widerspruch. Es ist nämlich blanker Unsinn.

Ein "Kleiner Brauner" stiftet Unruhe in der Medienwelt

Die EU-Ratspräsidentschaft nahm der deutsche Spiegel zum Anlass für eine zehnseitige Reportage über Österreich. Reporter Ullrich Fichtner interviewte mehr als 30 Menschen. In seinem Artikel zu Wort kamen dann allerdings deutlich weniger Gesprächspartner - und nach der Ansicht vieler die falschen: In seinem Leitartikel beklagte Rainer Nowak, Chefredakteur der Presse, Fichtner habe "Journalisten und Schriftsteller, deren politische Meinungen selten voneinander abweichen, die einander alle gut kennen und schätzen" interviewt. Zu diesen zählten neben Falter-Chefredakteur Florian Klenk etwa Schriftsteller Doron Rabinovici und Datum-Chefredakteur Stefan Apfl. Auf Facebook kritisierte ORF-Moderatorin Martina Rupp, dass im Artikel nur eine Frau wörtlich zitiert wurde - die Journalistin Anneliese Rohrer. Puls4-Infochefin Corinna Milborn twitterte die Namen von Kolleginnen mit dem Kommentar: "Lasst uns helfen - wer wurde nicht gefragt und hätte was gesagt?" Im nächsten Falter wird Milborn auf Fichtners Replik antworten.

Anmerkung der economy-Redaktion: Der Text „Was ist da eigentlich los?“ stammt von Der Spiegel-Autor Ullrich Fichtner und ist im Falter Nr. 28 vom 11. Juli 2018 erschienen. Da Falter-Texte online nur für Falter-Abonnenten abrufbar sind, führt economy den Text nun anstatt eines üblichen Links an. Auch der kollegialen Ordnung halber (und nach Rücksprache mit Shlomo sowieso) nachfolgend der Link zu Aboanboten des Falters: https://shop.falter.at/abos/falter-abos/falter-klassik-abo.html

Links

red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 24.07.2018