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19. Januar 2018

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„Unverzichtbar für eine plurale Demokratie!“

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(Wien; Video/Text) Di Fabio analysiert trefflich, Thurnher ist gallischer Miraculix, Nowak redet Blödsinn und Pfabigan vermisst verlegerische Innovation, so die Positionen bei dokumentationswürdiger VÖZ-Diskussion zum aktuellen medialen Public-Value-Bericht.

(Ein Kommentar von Christian Czaak) Zur informativen Unterhaltung eines thematisch versierten Publikums mittels einer angriffigen Diskussion mit kleinfeinen Gemeinheiten ohne Verletzungen braucht es überzeugendes Wissen, geistiges Niveau und persönlichen Respekt.
Das gilt für Armin Thurnher, Chefredakteur der Wochenzeitung „Falter“ und für Rainer Nowak, Chefredakteur der Tageszeitung „Die Presse“. Aus subjektiv-kritischer Lesersicht aktuell die zwei besten Printprodukte in Österreich mit entsprechendem persönlichen Nutzen durch inhaltliche Vielfalt, differenzierte Erörterung breiter Themen, Recherche und weitgehend sauberer Trennung zwischen Information und Meinung, alles auf Grundlage der jeweiligen Blattlinie und Mediengattung.
Und das gilt auch für Alfred Pfabigan, Rechtswissenschafter und politischer Philosoph wie auch für Udo di Fabio, deutscher Verfassungsrechtler und Europarechtsexperte. Beide zeichnet fundiertes Wissen und Analysefähigkeit aus und beide können ihre Expertise verständlich greifbar und nachhaltig übermitteln. Diese Männer diskutierten den journalistischen Wandel in digitalen Zeiten bei der Public-Value-Veranstaltung des Österreichischen Zeitungsherausgeberverbandes (VÖZ) in Wien (siehe economy-Bericht „4 von meinen 400 Studenten lesen eine Zeitung“).

Die vierte Gewalt im Staate
Die Eröffnung der Veranstaltung selbst passiert mit einer nachgelesenen und gefühlt eine Stunde lang dauernden Einleitung des VÖZ-Präsidenten Thomas Kralinger mit der zentralen Botschaft: „Die österreichische Presselandschaft versorgt unsere Demokratie mit Frischluft ... und erzeugt damit Public Value.“ Mit der Frage „ob die Rolle der Medien als vierte Gewalt im Staat in Auflösung sei“ eröffnet Moderatorin Julia Schnizlein-Riedler („News“) die Diskussion und Alfred Pfabigan antwortet: „Nein, weil Facebook ja auch ein Medium ist, noch in der Pubertät, aber die Presse ist genauso zivilisiert worden.“

Alt gegen jung, analog gegen digital, Leser gegen Werbung, Gewohnheit gegen Innovation
Die weitere Diskussion spiegelt primär die unterschiedlichen Philosophien von Thurnher und Nowak wieder. Analog gegen digital, alt gegen jung, Leser gegen Werbung, Gewohnheit gegen Innovation, unternehmerische Individualität gegen (globalen) Konzernimperialismus. Als älterer Printfanatiker und jüngerer Online-Adept, der von 1989 an als Verlagsmanager die Gründungsphase der damaligen Qualitätszeitung „Der Standard“ und dann dazu den „Online-Standard“ kommerziell zu gestalten hatte und seit 1999 mit dem eigenen Medium Gründung und Transformation von Online zu Print und dann wieder retour nur zu Online umsetzen musste, gibt es Sympathie und Zustimmung für die Positionen von Thurnher wie von Nowak - und ein großes Fragezeichen zu den von Pfabigan avisierten Zivilisierungschancen von Facebook & Co..

Die Sehnsucht der laufradgetriebenen Gesellschaft
Die qualitative Nische wird immer einen Markt finden und, so es keine hausgemachten Management-Fehler ala Styria und Wirtschaftsblatt oder aktuell Kleine Zeitung-Online und Kurier (redaktionell) gibt, auch kaufmännisch funktionieren. Einen entsprechenden (persönlichen) Nutzen für User/Leser vorausgesetzt, kann auch die Monetarisierung über den digitalen Endkunden passieren und nicht nur über den Werbemarkt. Zudem beinhalten starke Pendelbewegungen immer zwei Richtungen, und die messbare Sehnsucht der laufradgetriebenen Gesellschaft nach Entschleunigung und haltgebender Orientierung mittels entsprechender „Inseln“ kann ein Medium wunderbar abbilden und daraus eine auch kaufmännisch darstellbare „Community“ machen. Richtig eingesetzt dienen die Sozialen Medien dafür als Marketingkanal, sowohl für neue Leser wie auch für Werbekunden und für die nötige Ansprache junger Zielgruppen sind sie geradezu überlebensnötig.

Klassische Medien erreichen keine jungen und jüngeren Menschen mehr
Klassische Medien erreichen nahezu keine Menschen bis 30 Jahre mehr. Internen Studien sozialer Medienmanager nach informieren sich diese jungen Bürger nahezu ausschließlich nur über die Sozialen Netzwerke, und spätestens hier kommt nun der demokratiepolitische Aspekt ins Spiel. Als jüngere wie ältere Bürger, als Unternehmen und in letzter Konsequenz als Staat können wir nicht zulassen, dass Information und Meinungsbildung ausschließlich über subjektiv gesteuerte Maschinen passiert. Die freie Presse im Sinne eines objektiv-kritischen Korrektivs ist unverzichtbar als tragende vierte Säule einer pluralistischen Demokratie – aktuelle Beispiele in Polen, Ungarn oder der Türkei sowie die aktuelle US-Wahl zeigen und bestätigen wo autokratische Machttendenzen zuerst ansetzen.

Journalistische Ordnungsfunktion wird zerstört
Armin Thurnher sieht ein grundsätzliches Problem: „Durch die aktuelle Asymetrie mit der damit verbundenen ökonomischen Macht und der globalen Neuordnung des Medienmarktes werden die journalistisch-redaktionellen Ordnungsfunktionen tendenziell zerstört.“ Rainer Nowak hingegen begrüßt Facebook und die sozialen Medien generell: „Das ist doch großartig, ich kann über diese Kanäle jetzt noch zusätzlich kommunizieren.“ Für Thurnher ist das „Blödsinn, gleichzusetzen mit Verlegern, die durch massives Verschenken ihrer Inhalte ihr eigenes Dilemma mit herbeigeführt haben und bei jedem einzelnen Artikel Werbung für etwas machen, was ihnen den Teppich unter den Füssen weg zieht.“

Unabhängige Pressemedien auf öffentlich-rechtlicher Basis
In Blickrichtung der zunehmenden Finanzierungsproblematik klassischer Pressehäuser regt Thurnher dann auch eine Erörterung der demokratiepolitischen Funktion an: „Wir könnten sagen, die Presse muss ein öffentlich-rechtliches Medium sein, nicht nur der ORF, dann haben wir eine Existenzperspektive.“ Nowak kontert: „Sie wissen schon, dass es da draußen einen digitalen Markt gibt wo man Werbung lukrieren kann.“ Es braucht dafür „eine Reichweite und die erreicht man, wenn man auf Facebook aktiv ist.“ Auch Di Fabio fordert einmal „eine unternehmerische Antwort“ und „nicht zuerst nach dem Staate rufen“ und bringt den deutschen Axel-Springer Konzern als Beispiel, der „voll auf das Netz gesetzt hat.“

Guter Journalismus muss Bürgern was wert sein
An die Adresse der Sozialen Mediengiganten gerichtet sieht Di Fabio aber auch „knallharte Ausbeutungsmodelle“ und „mit dieser Bezeichnung kann man auch politischen Gegendruck erzeugen.“ Allerdings: „Wenn man mit Hilfe des Staates faire Rahmenbedingungen für die Presse reguliert, dann macht sich die freie Presse ein Stück weit abhängig,“ so der Verfassungsexperte. Di Fabio nimmt aber auch ein kritisches Publikum in die Pflicht: „Die Bürger müssen sich fragen, was sie für einen guten Journalismus bereit sind zu tun.“ Thurnher spricht in Folge eine weitere Diskrepanz an: „Wenn man sich den Sozialen Medien in die Arme wirft, dann macht man sich abhängig und das ist genau das was sie wollen.“

Die aktuelle Wild-West-Phase erfordert gemeinsames Sammeln und Finden
Rainer Nowak sieht hier keinen anderen Weg: „Was ist die Alternative? Ein gallisches Dorf zu bilden mit Armin Thurnher als Miraculix, die Welt da draußen auszublenden und auf Pause zu drücken?“ Thurnher: „Ich hab’ ein gewisses Faible für gallische Dörfer, es gibt Alternativen, man muss versuchen Gegenmodelle zu entwickeln.“ Auf Nowaks Gegenfrage welche das wären, antwortet Thurnher: „Wenn ich das wüsste, säße ich vielleicht nicht hier.“ Nowak fordert „in dieser Wildwest-Phase ein gemeinsames Sammeln und Finden, es bleibe nichts anderes über, weil am Ende des Tages doch niemand ernsthaft glauben kann, dass Facebook als einziges Medium über bleibt und es keine Journalisten mehr gibt.“

AToogle ist längst überfällig
Aufhorchen lässt Alfred Pfabigan, der eine unternehmerische Antwort vermisst, wo „ein über Crowdfunding finanzierter Schulterschluss europäischer Zeitungsverleger eine eigene Suchmaschine betreiben könnte.“ Im Gespräch mit economy darauf angesprochen, verweist VÖZ-Präsident Thomas Kralinger auf das deutsche „Studi-VZ“ (Anm. gegründet seinerzeit vom Holtzbrinck-Verlag, zudem u.a. auch „Die Zeit“ gehört), ein „Portal was einst größer als Facebook war, aber auf Grund der unterschiedlichen Rahmenbedingungen nicht funktioniert hat.“ Es ist bezeichnend, dass ein Philosoph wie Pfabigan eine fehlende verlegerische Innovationsinitiative ansprechen muss und damit sicher auch das längst überfällige „AToogle“ meint – economy bringt hiermit die ersten 1.000 Euro ein und verpflichtet sich zumindest auch die letzten 1.000 Euro zu finanzieren.

Links

Christian Czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 12.12.2016