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02. Juli 2022

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Coronamaßnahmen und Firmeninsolvenzen und mögliche Folgen

Coronamaßnahmen und Firmeninsolvenzen und mögliche Folgen© Pexels.com/cottenbro

Minus fünf Prozent bei westeuropäischen Firmeninsolvenzen im Jahresvergleich 2021 zu 2020. Diese von den staatlichen Corona-Maßnahmen geprägte Entwicklung spiegle die tatsächliche Situation nur unzureichend, so eine Analyse der Wirtschaftsauskunftei Creditreform.

(red/czaak) In Westeuropa mit den EU-14 sowie Norwegen, der Schweiz und Großbritannien wurden im Jahresverlauf 2021 insgesamt 110.451 Unternehmensinsolvenzen registriert. Das waren etwas über fünf Prozent weniger als im Vorjahr 2020 mit 116.446. Im Kontext mit der Corona-Pandemie befand sich die europäische Wirtschaft auch 2021 in einer Ausnahmesituation.

Die Wahrscheinlichkeit von Zombieunternehmen
„Die Pandemie bremste in vielen Bereichen die Geschäftsentwicklung. Gleichzeitig halfen Hilfsmaßnahmen der Regierungen, die Folgen abzufedern und aufzuschieben“, sagt Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Creditreform Wirtschaftsforschung. „Die aktuellen Insolvenzzahlen spiegeln damit die wahre wirtschaftliche Situation vieler Wirtschaftsbereiche nur unzureichend“, ergänzt Gerhard Weinhofer, Geschäftsführer von Creditreform Österreich.

Im Vergleich zu 2019 mit 159.832 Insolvenzen liegt die aktuelle Zahl in Europa mittlerweile das zweite Jahr in Folge um rund 50.000 Fälle niedriger. „Je länger die staatlichen Subventionen für Unternehmen anhalten, desto wahrscheinlicher werden Zombieunternehmen“, warnt Hantzsch. Veränderungen wie eine Zinswende oder ein Auslaufen der Hilfsmaßnahmen „könnten den Druck auf die Unternehmensstabilität erheblich verschärfen und eine (Nachhol)-Insolvenzwelle auslösen“, so die Creditreform-Experten.

Weniger Pleiten im Handel, mehr im Baugewerbe
Aktuell lassen sich für 2021 unterschiedliche Entwicklungen konstatieren. So verzeichneten Dänemark, Finnland, Griechenland, Großbritannien, Italien und die Schweiz bereits Anstiege der Insolvenzzahlen. In vielen Ländern nahmen die Insolvenzen aber erneut ab, etwa in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden. Nach Wirtschaftsbereichen lassen sich stärkere Rückgänge im Handel (minus 10 Prozent) und im Verarbeitenden Gewerbe (minus 8,5) feststellen.

Dagegen lagen die Insolvenzzahlen im Baugewerbe etwas höher als im Vorjahr (plus 1,2 Prozent). Um knapp vier Prozent gingen die Zahlen im Dienstleistungssektor zurück. „Trotz der offensichtlichen Krisenbetroffenheit von Handel und Gastgewerbe während Corona spiegelt sich das nicht im Insolvenzgeschehen“, erläutert Weinhofer. Im Gegenteil: Der Anteil dieses Wirtschaftssektors an allen Insolvenzen sei aktuell mit 28,5 Prozent deutlich niedriger als vor der Corona-Krise (2019: 31,5 Prozent). „Diese Entwicklung lässt sich nur mit Sondereffekten der Pandemie-Bekämpfung erklären“, so Weinhofer.

Mehr Insolvenzen in Osteuropa
Im Gegensatz zur Entwicklung in Westeuropa nahmen die Insolvenzzahlen in Osteuropa zu. Im zweiten Corona-Jahr 2021 waren in den zwölf betrachteten Ländern gut 39.000 Firmeninsolvenzen zu verzeichnen. Gegenüber dem Vorjahr 2020 war das ein Plus von knapp sechs Prozent.

Dabei verzeichneten Kroatien, Rumänien, Slowakei, Tschechien und Ungarn steigende Insolvenzzahlen. Nochmals deutlich zurückgegangen sind die Fallzahlen hingegen in Bulgarien, Polen und im Baltikum. In der Türkei setzte sich 2021 der Anstieg der Insolvenzzahlen fort (plus 7,7 Prozent), hier waren rund 17.200 Unternehmensinsolvenzen zu verzeichnen.

Geringere Eigenkapitalquoten
Gelitten unter der Krise haben auch die Eigenkapitalquoten. Knapp 23 Prozent der betrachteten Unternehmen in Westeuropa sind als eigenkapitalschwach anzusehen, das bedeutet eine Eigenkapitalquote unter 10 Prozent. Im Vorkrisenjahr lag dieser Anteil bei knapp 22 Prozent. Weiterhin verfügen aber viele Unternehmen (über 46 Prozent) über eine hohe Eigenkapitalquote von über 50 Prozent.

„Durch die gute Wirtschaftslage vor Corona waren die Eigenkapitalquoten gestiegen und die Schwere der Krise wurde abgefedert“, erläutert Patrik-Ludwig Hantzsch von Creditreform. Diese Puffer seinen nach zwei Jahren mittlerweile „allerdings oft aufgebraucht.“ Bedenklich sind auch die gestiegenen Forderungslaufzeiten in zahlreichen Ländern. Lieferanten und Leistungserbringer mussten länger auf ihr Geld warten. „Das macht sie selbst angreifbarer für Liquiditätsengpässe“, so die Experten von Creditreform.

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red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 20.05.2022