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23. Juni 2018

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„Das macht sich jetzt bezahlt.“

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(Video/Text) Die börsennotierte Palfinger AG glänzt als österreichischer Weltmarktführer für Transport- und Hubservices abermals mit einer Rekordbilanz für 2016. Economy beleuchtete bei der Bilanzpräsentation die entscheidenden Erfolgsfaktoren und sprach mit Produktionsvorstand Martin Zehnder über seine Sicht auf Innovation und Industrie 4.0.

„Ich fang mit der ersten Frage an, da tue ich mir leichter“, so Vorstandsvorsitzender Herbert Ortner im Anschluss an die Präsentation der Geschäftszahlen. „Der Auftragseingang ist im Moment sehr breit getragen. In Europa in allen Produktsegmenten und in allen Kundensegmenten starker Auftragseingang, ob das die Bauindustrie ist, die Logistikindustrie, die Recyclingindustrie, Land- und Forstwirtschaft“, so Ortner.
„Das Europageschäft ist natürlich hoch von den Margen und deswegen sind wir auch da, was die Ergebnisentwicklung betrifft, sehr zuversichtlich. Auch in Russland steigender Auftragseingang, in China sehr, sehr guter Auftragseingang, in Nordamerika guter Auftragseingang“, erläutert Ortner die unterschiedlichen Märkte.

Innovation, Internationalisierung und Flexibilisierung
Zur Strategie erklärt der Palfinger Vorstandvorsitzende: „Wir habend drei wichtige Kernaussagen in unserer Strategie: Innovation, Internationalisierung und Flexibilisierung. Hier haben wir intensiv investiert innerhalb der letzten Jahre und ernten jetzt die Früchte.“
Ortner weiter: „Und da werden wir auch weiter investieren, das Thema Internationalisierung ist ein Kernziel von Palfinger, wo wir vor ein paar Jahren begonnen haben in die Märkte zu gehen, nicht das alte Geschäftsmodell, wir produzieren in Europa und exportieren, sondern ein neues Modell in unserer Branche.“
Auf Nachfrage präzisiert der Palfinger-Boss: „Wir wollen ein chinesisches Unternehmen in China werden, ein russisches in Russland, ein amerikanisches in Amerika. Nicht erst seit Trump, das haben wir bereits 2007/2008 definiert und das macht sich jetzt bezahlt.
Mittlerweile 23 Prozent des Umsatzes in Amerika und das ist Lokalumsatz, zum größten Teil mit lokaler Produktion. Weiters knapp 20 Prozent in Asien, Pazifik und Russland und da ist auch knapp 90 Prozent Umsatz mit lokal produzierten Produkten.“

Die lokale Produktion als Erfolgsgarant
Auch auf Russland geht Ortner genauer ein: „Russland als Beispiel: 2016 hatten wir hier ein weiteres Rekordjahr mit Umsatzsteigerung und zweistelliger Steigerung der EBIT-Marge in einem extrem schwierigen Marktumfeld.
Das ist nur deswegen gelungen, weil wir als einziges Unternehmen in unserer Branche in Russland produzieren. Wir haben drei, vier Werke, wir haben 2.000 Mitarbeiter. Alle unsere Konkurrenten versuchen nach Russland zu importieren, bei dem Rubelkurs, bei den Sanktionen ist das nahezu unmöglich.“
Ähnlich wie Russland ist auch China und Amerika zu sehen, Herbert Ortner dazu: „Das gleiche gilt für Palfinger in China. Wir haben in China von 2015 auf 2016 die Stückzahl verdoppelt, nicht weil der Markt gewachsen ist, sondern weil wir in China produzieren und als chinesisches Unternehmen gesehen werden.
Und wir produzieren in Amerika in vier, fünf Fabriken und werden als amerikanisches Unternehmen gesehen mit lokaler Wertschöpfung.“
Wirtschaftspolitische Sichtweisen begegnet der Palfinger Chef so: „Ich bin ein absoluter Fan von Freihandel und ein Feind von Protektionismus. Politische Aussage. Wirtschaftliche Aussage: Palfinger kommt das jetzt zu Gute, die Abschottung der Märkte.“
Ortners Schlussfolgerung: „Die Kunden fordern, die Politik fordert lokale Produktion und in unserer Branche sind wir das einzige Unternehmen, das so positioniert ist. Zusammengefasst, ein tolles Jahr 2016 und strategisch viel erreicht.“

Smarte Produkte interessanter als smarte Produktion
Im Anschluss sprachen wir mit Produktionsvorstand Martin Zehnder speziell über das Thema Industrie 4.0.: „Das hat angefangen vor ein paar Jahren mit Industrie 4.0. Da war dieser Riesen-Hype, alle haben darüber gesprochen. Wir haben dann auch natürlich gestartet zu analysieren wo das Potential liegt, haben dann aber gesehen, dass für Palfinger Themen wie smarte Produkte, neue Geschäftsmodelle interessanter sind wie die smarte Produktion.
Das soll nicht heißen, dass wir in der Produktion nichts oder wenig tun, nur, den großen Hebel sehen wir bei smarten Produkten, smarten Systemen und basierend auf dem, auf neuen Geschäftsmodellen.“
Zehnder zur Organsisation: „Ich bin überzeugt, dass man zuerst die Produktion lean aufstellen muss, um dann über Industrie 4.0 und die volle Flexibilisierung zu reden. Wir haben in Österreich eine Produktionsanlage über mehrere Produktions-Maschinen die verkettet ist, die sich selbst steuert.
Die Informationen gehen von einer Maschine zur nächsten, da haben wir diesen Ansatz. Wir haben den Ansatz, dass wir Datenbrillen verwenden um Informationen für unsere Mitarbeiter, Arbeitsschritte entsprechend zu nutzen, wir haben automatisierte Logistikzüge.

Agilität, schnelle Veränderung und schnelles Scheitern
Gefragt zu den Optimierungspotentialen: „Wir machen viel in diese Richtung, aber wenn ich mir den Hebel anschau’, was für Palfinger die nächsten zehn Jahre relevant ist, dann sind smarte Geschäftsmodelle, smarte Produkte der weit größere Hebel, als die smarte Produktion.“
Und weiter: „Bei der smarten Produktion glaub’ ich, können wir ein paar Prozente rausholen um kosteneffizienter zu produzieren, bei den smarten Produkten und Geschäftsmodellen geht es um 20, 30, 40, 50 und 60 Prozent unseres zukünftigen Geschäftes was da dran hängen kann.“
Praktische Anwendungen beurteilt der Palfinger Produktionsvorstand so: „Jedes Unternehmen muss das für sich selbst beurteilen. Wenn ich heute ein Zulieferer in der Automobilindustrie bin von einer Komponente, dann kann die smarte Produktion oder Industrie 4.0 das Riesen-Thema sein. Für Palfinger ist es das smarte Geschäftsmodell und das smarte System das größere Thema.“
Zehnder zur generellen Strategie: „Wir müssen uns bewusst sein, dass wir die Analysen von heute morgen wieder hinterfragen müssen. Es ist heute nicht mehr so möglich, dass ich einen Plan mache und die nächsten fünf Jahre davon lebe.
Heute geht es um Agilität, geht es um schnelle Veränderungen, geht es auch um schnelles Scheitern.“
Sein Resümee: „Die Organisation muss Techniken entwickeln um möglichst schnell neue Sachen auszuprobieren, sehr schnell zu sehen, hat es ein Potential oder nicht und wenn es kein Potential hat, ist es „fail fast“, soll man etwas schnell beerdigen und neu starten.“

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red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 14.03.2017