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23. September 2018

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Geschichten zur Entschleunigung

Geschichten zur Entschleunigung© Bilderbox.com

Über die Sommermonate reduzieren wir die Anzahl unserer großen, weitgehend wirklich wichtigen Geschichten und bringen dafür ausgleichend kleine, augenscheinlich nicht ganz so wichtige Geschichten.

(Christian Czaak) Diese Geschichten jedoch mit Themen und Inhalten, die zwar im betrieblichen Alltag nahezu keine Wertigkeit mehr haben, dafür im privaten Bereich, gleichbedeutend mit der Basis des (menschlichen) Betriebs. Im ersten Teil will unsere (extra konzipierte) Figur Shlomo Abdullah auch noch am Morgen des letzten Schultages für einen geordneten familiären Ablauf sorgen. Kann das funktionieren?

Die Ratten erschrecken, die Kinder nicht.
Der Wecker läutet zur gewohnten Zeit. Es ist, exakt wie möglicherweise täglich, sechs Uhr und 18 Minuten, und Shlomo erwacht an diesem Freitag anders als sonst, der letzte Schultag von Luke und Helen will noch ordentlich instrumentalisiert sein. Shlomos Frau Kasandra steht bereits in der Küche, die Kinder sind nicht minder bereits munter, spielen aber noch schlaftrunken mit Lea, Lilly, Frieda und Ronja, den vier jungen Rattenmädchen der Familie.
„Zähne putzen, anziehen“, schreit Shlomo wie gewohnt durch das Haus. Die Ratten erschrecken, die Kinder nicht. Kasandra blickt Shlomo mitleidig an. Zweiter Versuch: „Letzter Schultag, wollt’ ihr da zu spät kommen?!“ Kasandra, gestählt in hunderten, wenn nicht tausenden Schulmorgenappellen, schaut Shlomo abermals mitleidig an. Diesmal blitzt sogar der Ansatz eines Lächelns auf. Shlomo wird unsicher, träumt er noch? Ein „wir schaffen das schon Papa, wie immer“, reißt ihn zurück in die Realität. „Der Schulbus fährt sozusagen gleich“, legt Shlomo nach. „Aber nur sozusagen, der fährt erst zehn nach sieben“, folgt postwendend der Konter.

Shlomo muss liefern.
Kasandra hebt abermals den Kopf, nun werfen erste Falten bedrohlich wirkende Schatten in die ansonsten immer noch weitgehend glatte Stirn. Shlomo wird abermals unsicher, er spürt die Schatten gelten ihm und er weiß, die Bedrohung kann schnell real werden. Er muss sich durchsetzen. Zumindest an diesem letzten Morgen dieses Schuljahres. „Shlomo?!“ Kasandra setzt nach. Jetzt hat Shlomo zwar Sicherheit, gleichzeitig verstärkt sich eine Art atmosphärischer Druck, sogar die Kinder heben ihren Kopf und blicken erwartungsvoll in seine Richtung.
Shlomo dreht sich um, sitzt eine Ratte hinter ihm oder gilt der Blick tatsächlich seiner Person? Es ist so, auch die Kinder scheinen an diesem letzten Schultag Mitleid mit Shlomo zu haben. Shlomo muss jetzt liefern. „Geh Kinder...“ „Wir kommen ja eh schon Papa. Kein Stress, in zwei Stunden sind Ferien. Und Zähne geputzt haben wir auch schon längst. Da hast Du noch geschlafen. Papa...“ Kasandra lächelt nun wirklich und jetzt kann auch Shlomo befreit lächeln. Der Bus kann kommen und dann auch die Ferien - beides aber nur mit dem passenden Song der einzigen besten ganzfamilientauglichen Rockband.

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red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 03.07.2018