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02. Juli 2022

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Cannabis und Kokain und Crystal Meth

Cannabis und Kokain und Crystal Meth© Pexels.com/Mart Productions

Die Innsbrucker Gerichtsmedizin analysiert im europäischen Rahmen regelmäßig die Kläranlagen der Abwässer auf Drogenrückstände. Im aktuellen Bericht für 2021 spiegelt sich auch die Corona-Pandemie.

(red/czaak) Das abwasserbasierte Drogenmonitoring in europäischen Städten wird seit Jahren erfolgreich eingesetzt, um Vergleichswerte und Trends des Drogenkonsums über Ländergrenzen hinweg zu ermitteln. Mit dem Institut für Gerichtliche Medizin der Medizinischen Universität Innsbruck (GMI) nimmt seit 2016 auch Österreich am jährlichen Monitoring im Rahmen des europaweiten Netzwerkes SCORE teil. Die aktuellen Ergebnisse für 2021 stehen erwartungsgemäß unter dem Einfluss der Corona-Pandemie. 

Hier wurden europaweit die Abwässer von 110 Kläranlagen in 90 Städten und Regionen analysiert, darunter auch die Abwässer von neun österreichischen und einer Südtiroler Kläranlage (Anm. insgesamt 118 Gemeinden). Die Untersuchung lässt Rückschlüsse auf den Drogenkonsum von fast einer Million Menschen in Österreich und Südtirol zu. Für die jährlich wiederholte Studie wurden im Sommer 2021 über einen Zeitraum von einer Woche täglich Proben vom Zufluss der Kläranlagen entnommen. 

Cannabis, Kokain, Amphetamine, Alkohol und Nikotin
Die Analyse der einzelnen Konsummarker für Drogen und deren Stoffwechselprodukte erfolgte wie in den vergangenen Jahren im forensisch-toxikologischen Labor der Gerichtlichen Medizin der Med-Uni Innsbruck (GMI) unter Leitung des Chemikers Herbert Oberacher. Auf Grund der vorhandenen Expertise darf das Labor der Innsbrucker Uni als einzige Einrichtung Österreichs am SCORE-Programm teilnehmen. Oberacher gilt auch international als einer der renommiertesten Experten für Metabolomik und Bioanalytische Massenspektrometrie.

Im Fokus der Untersuchungen standen die Suchtgifte Tetrahydrocannabinol (Wirkstoff in Cannabis) sowie Kokain und zudem Amphetamin (Wirkstoff in Speed), 3,4-Methylendioxy-N-methylamphetamin (MDMA als Wirkstoff in Ecstasy) und Methamphetamin (Wirkstoff in Crystal Meth), sowie Alkohol und Nikotin. Die Ergebnisse der chemischen Analysen werden von der Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA) in Lissabon für den europäischen Drogenbericht verwertet und jährlich veröffentlicht.
 
Österreich im hinteren europäischen Mittelfeld
„Ein Einwohner aus einer der zehn untersuchten Regionen trinkt im Schnitt täglich ein Glas Wein, raucht drei Zigaretten und konsumiert 0,06 Joints sowie rund ein Milligramm an aufputschenden Drogen“, erläutert Studienleiter Herbert Oberacher die Ergebnisse für Österreich. Damit liegen die in Österreich und Südtirol überwachten Regionen in einer aus den Ergebnissen der SCORE Studie abgeleiteten Rangliste der untersuchten europäischen Staaten bei allen analysierten Substanzen „bestenfalls“ im Mittelfeld. 

Die Möglichkeit des Vergleichs unterschiedlicher Regionen ist eine besondere Stärke des abwasserbasierten Drogenmonitorings So ergab die Analyse, dass der Pro-Kopf-Konsum an Alkohol und Nikotin innerhalb Österreichs relativ einheitlich ist. Bei den verbotenen Drogen bietet sich ein weniger homogenes Bild: In fast allen Regionen war Cannabis die dominierende Droge, wobei der THC-Konsum im urbanen Raum höher zu sein scheint als in ländlichen Gegenden. Unter den Stimulanzien ist Kokain die mengenstärkste Droge. In Westösterreich und Südtirol wird Kokain pro Kopf in größeren Mengen konsumiert als in Ostösterreich. Bozen und Kufstein verzeichnen den höchsten Pro-Kopf-Verbrauch an Kokain.

Weniger Partys, weniger Drogen
Die größten Pro-Kopf-Konsummengen von Amphetaminen als Wirkstoffe in Speed und Crystal Meth ließen sich in Ostösterreich, speziell in Graz, beobachten. Diese West-Ost-Verteilung von Stimulanzien und synthetischen Drogen ist nicht auf Österreich beschränkt, sondern spiegelt sich in Europa wider. In Südtirol scheint der generelle Pro-Kopf-Konsum niedriger als in Österreich. In Bozen war der Verbrauch von Alkohol, Nikotin, Cannabis, Amphetamin und MDMA geringer als in Innsbruck, jener von Kokain aber höher.

Für neun untersuchte Regionen ergeben sich im Vergleich zu 2019 und 2020 Änderungen im Konsumverhalten. „Corona und die damit verbundenen Einschränkungen scheinen Auswirkungen auf den Drogenmarkt zu haben. Auch wenn es regionale Unterschiede gibt, legen unsere Ergebnisse nahe, dass es insgesamt zu einem Rückgang beim Konsum von Partydrogen, insbesondere von MDMA/Ecstasy (minus 50 Prozent) aber auch Kokain (minus 10 Prozent) und Cannabis (minus 10 Prozent), gekommen ist“ so Oberacher. Weitere Auffälligkeiten waren Steigerungen bei den Amphetaminen, Crystal Meth plus 130 Prozent und Speed mit plus 30 Prozent.
 
Mehrwert für öffentliche Gesundheitsüberwachung
Die im Rahmen des SCORE Netzwerks über den Drogenmarkt erhobenen Daten liefern den Behörden und den politisch Verantwortlichen Entscheidungshilfen, um geeignete Maßnahmen für eine nachhaltige Drogenpolitik ausarbeiten und umsetzen zu können. Zudem wurde in den beiden letzten Studienläufen auch der Einfluss der Corona-Pandemie auf den Drogenkonsum der Bevölkerung untersucht. „Die Abwasseranalyse erweist sich immer mehr als geeignetes und profitables Public Health Instrument“, betont Oberacher. Sein Labor wäre auch für die Analyse umfangreicherer Abwasserdaten gerüstet.

In Bezug auf den Konsum von Alkohol und Nikotin decken sich die Ergebnisse der Abwasseranalyse weitgehend mit den Kennzahlen der Österreichischen Gesundheitsbefragung aus 2019. Herbert Oberacher promovierte an der Universität Innsbruck zum Analytischen Chemiker. Seit 2003 forscht er am Institut für Gerichtliche Medizin der Medizinischen Universität Innsbruck, wo er sich 2007 für Bioanalytik habilitierte. 2021 wurde er zum Professor für Metabolomik und Bioanalytische Massenspektrometrie berufen. Das unter seiner Leitung stehende forensisch-toxikologische Forschungslabor ist die einzige Einrichtung Österreichs, die für die Teilnahme am europäischen SCORE-Programm zertifiziert ist.

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red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 21.03.2022