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19. September 2019

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Genetisch bedingte Immunschwäche

Genetisch bedingte Immunschwäche© Bilderbox.com

Wissenschafter der Immunologischen Tagesklinik zentrale Partner bei umfangreicher internationaler Studie zum Thema genetische Parameter bei Immundefizienz.

(red/czaak) Im Rahmen einer breit angelegten internationalen Studie wurden nun erstmals klinische Details einer bestimmten, genetisch bedingten Form der Immundefizienz systematisch untersucht. Unter Federführung der Wissenschafter der Wiener Immunologischen Tagesklinik werteten Kollegen aus sechs Ländern anonymisierte Datensätze von über 690 Patienten mit angeborener Immundefizienz aus Österreich und Großbritannien aus.
Speziell gesucht wurde dabei nach Mutationen in den so genannten Recombination Activating Genes (RAG). Die Entdeckung zweier spezieller RAG-Mutationen im Jahr 2015 brachte der Immunologischen Tagesklinik aus Wien international viel Beachtung und sicherte ihre Führungsrolle bei der aktuellen Studie. Diese evaluierte die Häufigkeit des Auftretens, die gesundheitlichen Konsequenzen sowie die unterschiedlichen Therapieansätze dieser Erkrankung.

Ausgeklügelter Mechanismus
Unser Immunsystem schützt selbst vor Infektionserregern, die dem Körper bisher unbekannt waren. Das gelingt, weil wichtige Zellen des Immunsystems (Anm. B- und T-Zellen) Millionen von verschiedenen Rezeptoren besitzen. Diese erkennen Strukturen auf der Oberfläche eines Erregers und initiieren so eine Immunantwort. Mitverantwortlich für diese Rezeptorvielfalt sind zwei Enzyme, die von den sogenannten Recombination Activating Genes (RAG) codiert werden. Diese Enzyme sorgen mit einem ausgeklügelten Mechanismus dafür, dass aus wenig genetischer Information viele verschiedene Rezeptoren entstehen.
Sind nun aber die RAG mutiert, kann das schwerwiegende Folgen haben und eine bestimmte genetisch bedingte Immundefizienz hervorrufen. Wie häufig diese sogenannte RAG-Deficiency die Ursache für eine angeborene Immundefizienz ist und welche klinischen Herausforderungen sie verursacht, hat nun erstmals ein Konsortium von über 100 Wissenschaftern aus den USA, Großbritannien, Deutschland, den Niederlanden, Norwegen, Weißrussland und Österreich untersucht. Mit dabei ein Team der Immunologischen Tagesklinik in Wien, die bereits im Jahr 2015 zwei besondere Fälle der RAG-Deficiency in Österreich beschreiben konnte.

Angeborene Immunschwäche
Bei der Studie nutzte das internationale Team zwei große anonymisierte Datensätze von Patienten, die an einer angeborenen Immundefizienz (PID – Primary Immunodeficiency) leiden. Einer der beiden Datensätze stammte aus Großbritannien vom National Institute for Health Research BioResource. Der zweite hatte seinen Ursprung in Österreich, wo PID-Patienten auch aufgrund der über zwanzigjährigen Tätigkeit der Immunologischen Tagesklinik entsprechend gut diagnostiziert und betreut werden. „Es gibt über 300 bekannte, verschiedene Formen der angeborenen Immunschwäche. Die genaue Diagnose der Ursachen ist entscheidend für eine effektive Therapie“, so Martha Eibl, leitende Immunologin.
Insgesamt wurden so 692 Datensätze von antikörperdefizienten Patienten auf RAG-Mutationen hin untersucht. Fünf neue Fälle wurden dabei erkannt und die Häufigkeit der Erkrankung bei PID-Patienten auf 1 bis 1,9% geschätzt. Für Großbritannien, wo über 3.000 PID-Patienten registriert sind, bedeutet dies, dass zwischen 30 und 60 Personen von RAG-Mutationen betroffen sein könnten, bei denen dies bisher noch nicht diagnostiziert wurde.

Unterschiedliche Auswirkungen
„RAG-Mutationen wirken sich für die individuellen Patienten sehr unterschiedlich aus. Einige Patienten zeigen bereits rasch nach der Geburt Symptome – andere leben über Jahrzehnte ohne klinische Auffälligkeiten“, erläutert Eibl. Bisher existierte keine systematische Erhebung bei Patienten mit der Diagnose von Antikörperdefizienz, deren klinischen Symptomen und der RAG-Mutation. Mit der aktuellen Analyse konnte nun gezeigt werden, dass über 85% aller Betroffenen entzündliche Autoimmunerkrankungen entwickelten und dass bei über 90% der Patienten Lungenerkrankungen auftraten und oftmals zum Tod führten. Lungenentzündungen kamen dabei am häufigsten vor.
Auch die verschiedenen Behandlungsregime wurden für die untersuchten Fälle analysiert, wobei einzelne Patienten teilweise mit mehreren Methoden behandelt wurden. So wurde bei 93% der Patienten das Immunsystem durch eine Immunglobulin-Ersatztherapie gestärkt, 57% wurden prophylaktisch mit Antibiotika behandelt, 21% erhielten antivirale Medikamente und 14% anti-rheumatische Substanzen, die auf das Immunsystem wirkten.
„Interessanterweise zeigte der statistische Vergleich der verschiedenen Behandlungsmethoden, dass es bei der Überlebensrate der Patienten keinen Unterschied gab“, ergänzt Martha Eibl. Das Team der Immunologischen Tagesklinik in Wien sieht nun mit dem aktuellen Beitrag einen weiteren Schritt zum besseren Verständnis des klinischen Managements der RAG-Defizienz. „Die Ergebnisse werden nicht nur die Diagnose der schwerwiegenden Erkrankung verbessern, sondern auch deren Therapie optimieren“, unterstreicht Immun-Expertin Eibl.

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red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 04.04.2019