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14. Dezember 2017

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Deutsch klingt vertraut: Sprachbarrieren bei Habsburgerarmee

Deutsch klingt vertraut: Sprachbarrieren bei Habsburgerarmee© Bilderbox.com

Elf Regimentssprachen und unzählige Dialekte. Die Armee der Habsburgermonarchie war ein Babylon der Sprachen. Die Historikerin Tamara Scheer untersuchte wie Kaiser, Armee, Soldaten und Heeresbürokratie mit der Vielsprachigkeit umgingen. Das Projekt wird vom Wissenschaftsfonds (FWF) gefördert.

Wer Deutsch spricht, steht loyal zu Österreich. Das klingt vertraut. Und ist doch mehr als 100 Jahre alt. “Mit dem Beginn des Krieges 1914 werden Sprachen und ihre Sprecher in loyal und illoyal eingeteilt”, so Tamara Scheer. Die Wiener Historikerin untersuchte im Rahmen des vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projektes “Mehrsprachigkeit in der k.u.k. Armee und Zivilgesellschaft”, den Umgang mit der Sprachvielfalt in der alten Armee ab 1868.
Mit dem Ausgleich zwischen Österreich und Ungarn wird in der gemeinsamen Armee auch der vielfältigen Sprachenwelt der Monarchie Rechnung getragen. Zwar ist die Kommandosprache Deutsch, so wie auch die Dienstsprache, die Regimentssprachen orientieren sich jedoch an den jeweiligen Landessprachen. “Elf Sprachen sind in Verwendung,“ erläutert Scheer. “Damit wollte man den Soldaten die Möglichkeit geben, sich in ihrer Sprache auszudrücken und während ihrer dreijährigen Dienstzeit keine andere auferlegt zu bekommen”, so Scheer.

Loyalität der Soldaten gegenüber Kaiser
Dieses sprachliche Entgegenkommen sollte zudem ein höheres Maß an Loyalität der Soldaten gegenüber Kaiser und König fördern. In einem Reich, in dem weite Gebiete mehrsprachig waren, stieß das System allerdings bald an seine Grenzen. Entgegen seiner Intention fördert es das Denken in nationalen Kategorien. Scheer: “Wer im weitgehend zweisprachigen Raum Mähren lebte und angab, von beiden Sprachen öfters Tschechisch zu sprechen, der kam in ein tschechisches Regiment.” Und wurde somit gleichsam zum Tschechen gemacht. Während Freund oder Bruder in ein deutsches Regiment kam und zum Deutschen gemacht wurde.
“Das interessante ist”, berichtet Scheer, “dass die Unzulänglichkeiten des Systems wohl erkannt, aber nie behandelt wurden.” Niemand wollte daran rühren. Schon gar nicht der Kaiser, der sämtliche Entscheidungen an die Peripherie seines Beamtenapparates delegierte, an die 15 Korpskommandos, um nicht angreifbar zu sein. Dadurch wurden sprachliche Unstimmigkeiten immer wieder von Fall zu Fall entschieden. Wodurch die Regeln immer wieder flexibel ausgestaltet wurden, was wiederum zur Resilienz des Konstrukts beitrug.

Die große Belastungsprobe
Die große Belastungsprobe kam während des Krieges 1914-1918. Hier mischten sich die Sprachen auf den Schlachtfeldern und die Soldaten des Kaisers fanden sich in einem „Sprach-Babylon“ wieder. Im gegenseitigen Un- und Missverständnis entwickelten sodann tschechische, slowenische und kroatische Soldaten ein “Armee-Slawisch”, welches auch viele Deutsche, Ungarn, Italiener und Rumänen beherrschten.
Fataler aber, so die Historikerin, sei das Misstrauen im 1. Weltkrieg gewesen: “Die deutsch sprechenden Österreicher unterstellten den Tschechen nicht treu zum Kaiser zu stehen”, so Scheer. Die Ruthenen wurden wiederum von den Polen beschuldigt, Spione des Zaren zu sein und die Deutschsprachigen nahmen diesen Verdacht auf. Und je länger der Krieg dauerte, desto offener wurden Vorbehalte gegenüber anderen Sprachen demonstriert. “Dabei hatte dieses System dazu geführt, dass man auch als national gesinnter Tscheche kaisertreu und loyal zur Armee sein konnte. Es gibt eben verschiedene Kategorien der Loyalität. Die Sprache allein ist kein ausreichendes Kriterium,“ resümiert Tamara Scheer.

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red, Economy Ausgabe Webartikel, 16.11.2017