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26. Februar 2021

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Das psychische Wohlergehen von Kindern

Das psychische Wohlergehen von Kindern© Pexels.com/Gustavo Fring

Die Universitätsklinik Innsbruck untersucht Lebensqualität und Bedrohungserleben von Kindern in besonders betroffenen Corona-Gebieten. Ziel ist ein breiter einsetzbares Früherkennungsinstrument von Belastungssymptomen. Die zweite Befragungsrunde ist soeben gestartet.

(red/mich/cc) In Tirol steht das psychische Wohlergehen von Kindern im Alter von 3 bis 12 Jahren im Fokus einer Studie. Das Projekt läuft zwei Jahre, nun gibt es erste Einblicke in die Ergebnisse. Die Auswertung der ersten Befragungsrunde zeigt die Einschränkung der Lebensqualität und das Bedrohungserleben von Kindern in Tiroler Hotspotregionen. „Noch muss kein Alarm geschlagen, aber weiterhin genau hingeschaut werden“, sagen die Expertinnen der Universitätsklinik Innsbruck. Seit 14. Dezember läuft die zweite Befragungsrunde des vom Land Tirol geförderten Forschungsprojektes mit einer Laufzeit von 24 Monaten. 

Ziel für die ausführende Univ. Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im Kindes- und Jugendalter ist die langfristige Erfassung von Angst-, Stress- und Traumasymptomen sowie der Lebensqualität der 3 bis 12-jährigen Kinder. In regelmäßigen Abständen werden Kinder und Eltern befragt. 220 Kinder und 438 Eltern aus besonders betroffenen Nord- und Südtiroler Regionen gaben bereits im Juni 2020 Auskunft und das inkludierte auch die Zeit der Quarantäne im März.

Sprechstunde und Hotline in Hall für stark belastete Kinder und deren Eltern
„Ziel ist es, ein Früherkennungsinstrument von Belastungssymptomen zu entwickeln, dass in der Schule und im Kindergarten eingesetzt werden kann“, erklärt Kathrin Sevecke, Leiterin der Studie und Primaria der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Landeskrankenhaus (LKH) Hall. Die ersten Auswertungen haben nun bereits zur Weiterentwicklung von Entlastungs- und Unterstützungsmaßnahmen beigetragen, etwa eine Spezialsprechstunde und Telefonhotline in Hall für stark belastete Kinder und deren Eltern, die parallel zur zweiten Befragungsrunde per 14. Dezember startet.
 
Zu dieser zweiten Befragungsrunde (Anm. per Onlinebefragung; siehe Link) werden neben den TeilnehmerInnen der ersten Runde auch weitere interessierte Kinder und ihre Eltern aus Nord- und Südtirol eingeladen. Neu eingeführt wurde ein Ampelsystem. Nach der Befragung zeigt den Kindern ein Smiley an, wie belastet sie sind. „Bei den Eltern gibt es eine Ampel. Zeigt diese gelb oder rot, heißt das, bitte nehmt Kontakt mit uns auf“, erklärt Silvia Exenberger, Klinische und Gesundheitspsychologin sowie wissenschaftliche Mitarbeiterin der Studie.
 
Einschränkung der Lebensqualität insbesondere durch fehlende soziale Kontakte
Die Auswertung der ersten Erhebung zeigt in Bezug auf Traumatisierung und Angstempfinden noch keine signifikanten Auffälligkeiten. „Das ist ein erster guter Befund, aber wir müssen jetzt genau hinschauen, wie sich dieser Wert entwickelt“, so Kathrin Sevecke. Deutliche Auswirkungen haben die Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie auf die Lebensqualität der Kinder laut Angaben der Eltern.

„Durch die Quarantäne haben die Kinder stark an Lebensqualität verloren. Nach dem Ende der Quarantäne hat sich gezeigt, dass dies zu 80 Prozent durch fehlende soziale Kontakte zustande kommt“, erklärt Sevecke. Auch die Kinder betonen, dass sie sehr unter dem Verlust ihrer Freunde während der ersten Quarantäne im März 2020 gelitten haben. Allerdings seien auch positive Veränderungen bemerkt worden. So seien Kinder aus Sicht ihrer Eltern selbständiger und entschleunigt worden.
 
Mädchen sind besorgter 
In Bezug auf das Bedrohungserleben ergeben sich deutliche Unterschiede zwischen Mädchen und Buben. „Wir haben hier beispielsweise gefragt, ob die Kinder sehr besorgt waren, dass ein Familienmitglied erkranken könnte“, erklärt Silvia Exenberger. „Hier hat sich gezeigt, dass 62 Prozent der Mädchen dies sehr stark erlebt haben, allerdings nur 52 Prozent der Jungen.“ Auch haben Mütter ihre Söhne diesbezüglich besser eingeschätzt, als ihre Töchter. Das heißt, Mädchen haben ein intensiveres Bedrohungserleben und damit verbunden auch mehr Trauma- und Angstsymptome. Müttern falle das jedoch weniger auf und daher „müssen wir hier genau hinschauen“, betont Exenberger.

Regionale Auffälligkeiten zwischen Nord- und Südtirol gab es keine. „Wir müssen jetzt die Ergebnisse nach der zweiten Welle abwarten“, resümiert Klinikdirektorin Kathrin Sevecke. „Die Belastung wird sich voraussichtlich erst nach dieser Befragungsrunde zeigen. Dieser zweite Lock-Down geht vielmehr an das System und die Nerven.“ Die Expertinnen hoffen jedenfalls auf eine große Beteiligung an der zweiten Befragungsrunde.

Links

red/mich/cc, Economy Ausgabe Webartikel, 15.12.2020