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25. November 2017

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Emanzipation in der Krise

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Die Emanzipationsbewegung war zweifelsfrei eine der erfolgreichsten sozialen Bewegungen der Neuzeit, und sie hat auch viel erreicht. Rollenbilder wurden aufgebrochen, das Verhältnis von Mann und Frau verändert. Dennoch kann man sich des Eindrucks nicht erwahren, dass die Bewegung in der Krise steckt.

Das ursprüngliche Ziel der Frauenbewegung, die Gleichheit zum Mann im gesellschaftlichen und sozialen Umfeld, wurde nicht erreicht. Statt dessen ist die Idee der Frauenbewegung nach wie vor durchsetzt von Vorurteilen beider Seiten und hat die Frau isoliert. Auf gesamtgesellschaftliche Probleme wie Rassismus, soziale Spaltungen, ökonomische Ausbeutung, Elitenförderung und Klassenverhältnisse weiß auch der moderene Feminismus wenig Antworten.
Warum? Seit 1949, als Simone de Beauvoir ihr Buch „Das andere Geschlecht“ veröffentlicht hat und darin die männerzentrierten gesellschaftlichen Mechanismen angeprangert hat, ist viel Zeit vergangen. Die Mutter des modernen Feminismus hatte durchaus recht gehabt, zwischen Kritik und Umsetzung ist es aber immer ein weiter Weg.
Heute hat sich die Frauenbewegung zwar bis weit in Politik und Gesellschaft vorgearbeitet, und es gibt genügend weibliche demokratische Vertreter in den Instanzen und Parteien, dennoch sind wichtige Probleme noch lange nicht gelöst. Dazu gehören unter anderem die Lohnungleichkeit, die Pensionsangleichung bei Teilzeit und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Der Grund, warum die Ziele der Frauenbewegung von ihren Vertretern nicht immer kohärent angesteuert werden, liegt in ihrer Zersplitterung. Da man die Welt nicht in Mann und Frau geteilt simplifizieren kann, gibt es natürlich auch verschiedene weltanschauuliche Formen der Emanzipation, repräsentiert von der bürgerlichen Frauenbewegung, der sozialdemokratischen, der liberalen, der intellektuellen und der aktionistischen. Dazu kommt, dass das Thema an sich schon reichlich angestaubt wirkt.
So fordern die Feministinnen Meredith Haaf, Susanne Klinger und Barbara Streidl in ihrem Buch „Wir Alpha-Mädchen“, den Feminismus wieder „cool und lässig“ zu machen. Propagiert wird unter anderem in Abgrenzung vom Feminismus der 70er Jahre eine neue „Frauen-Klasse“, erfolgreiche Individualistinnen, die es geschafft haben, „ihre Projekte trotz Anfechtungen durchzusetzen und dennoch keine schmallippigen Karrieremaschinen geworden sind.“
Verkompliziert haben die Frauenbewegung in Mitteleuropa auch die politischen Veränderungen mit dem Ergebnis, dass die Zuwanderung von Familien aus wirtschaftlichen schwächeren Ländern mit noch traditionellen Familienstrukturen und Geschlechterrollen die Frauenbewegung und die emanzipatorische Politik vor neue Herausforderungen gestellt hat. Plötzlich spielen Integrationsfragen eine zentrale Rolle, und kulturelle Unterschiede in der Sicht der Frauenrolle, vor allem von zugewanderten Frauen selbst, zeigen der Bewegung ihre Grenzen auf – nicht zuletzt sichtbar in der Diskussion über Kopftuch und Burka in Westeuropa.
Die herkömmliche Frauenbewegung hat Separatistinnen abgespalten, die nach wie vor ein zusammengezimmertes Weltbild des Patriarchats bekämpfen, und auch Arbeitsfetischistinnen, deren Ziel von Frauenpolitik eine erfüllte Ellbogenkarriere ist. Ein neuer Zugang würde Not tun.

Economy Ausgabe 999999, 23.12.2010