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22. November 2017

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Dichter, Moore und Steine

Dichter, Moore und SteineErhard Hois

Dichterlesungen gibt es in Wien fast jeden Tag. Im kleinen Städtchen Heidenreichstein nur einmal im Jahr. Doch ebendort findet das spannendste Literaturfest statt. Weil sich zwei Männer, der eine Ex-Kulturminister, der andere Dichter, ein Festival ganz nach ihrem Geschmack ersonnen haben.

Amos Oz hätte unter spanischer Sonne mit König Juan Carlos zu Abend speisen können. Eben war er mit dem „Prinz von Asturien“-Preis für Literatur gekrönt worden. Stattdessen reiste er in den Nebel, in den Regen. Nach Heidenreichstein, einem Städtchen im Waldviertel mit 6000 Einwohnern (inklusive 968 Zweitwohnsitzern), nahe der tschechischen Grenze.
Dort wurde für den israelischen Schriftsteller ein zweitägiges Fest ausgerichtet. Er war 2007 Ehrengast von „Literatur im Nebel“, einem neuen Literaturfest, das der Dichter Robert Schindel und der Ex-Kulturminister und jetzige Kontrollbank-Vorstand Rudolf Scholten ersponnen haben. „Wir haben es am Anfang selber nicht so richtig ernst genommen“, sagt Scholten. „Doch irgendwann hat sich herausgestellt, dass das, was wir nicht ernst nahmen, möglich wird.“ Nämlich dann, als Scholten zum Telefon griff, Salman Rushdie anrief und ihn fragte, ob er nach Heidenreichstein kommen würde.

Literaturstar in Kleinstadt
„Und zwar ohne Gage“, ergänzt Robert Schindel. „Denn das Honorar, das Salman Rushdie üblicherweise verlangt, hätten wir uns nie leisten können.“
Er komme gern, sagte Rushdie. Was für Outsider wie eine Sensation klang, war in Wirklichkeit ein Freundschaftsdienst. Scholten und Rushdie kennen einander seit Mai 1994. Seit der damalige Unterrichts- und Kulturminister dem versteckt lebenden britisch-indischen Schriftsteller den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur überreichte. Rushdie war 1989 für sein Buch Die satanischen Verse vom iranischen Präsidenten Kho­meini mit einer „Fatwa“, einem „Todesurteil“ belegt worden, samt Aufruf, ihn zu ermorden. Seither lebte er versteckt.
In den Jahren nach der Preisverleihung kam Rushdie häufig nach Wien, immer unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen. Dabei entwickelten sich zwischen Rushdie, Scholten und etlichen Schriftstellern wie Peter Turrini und Robert Schindel freundschaftliche Kontakte. Im Oktober 2006 wurde Rush­die der erste Ehrengast von „Literatur im Nebel“.

In Wien wäre das unmöglich
Also stand man in einer architektonisch unscheinbaren Mehrzweckhalle etwas außerhalb des Zentrums von Heidenreichstein, holte sich einen Becher Kaffee in der Pause und scharrte sich in die kleine Gruppe rund um Rushdie. Der plauderte entspannt. Selber hatte man auch keine Eile, es gab ja noch eine Pause und noch eine, es gab viele Gelegenheiten, mit Rushdie zu reden. Es tanzten auch nicht ständig Kameraleute und Fotografen um ihn herum. „Es ist uns ganz wichtig, dass der Ehrengast eine angenehme, schöne Zeit verbringt“, sagt Scholten. Das Konzept ist, einen Literaten von Weltrang zwei Tage lang zu feiern. Andere Schriftsteller lesen aus seinem Werk, er selber liest, man führt geistreiche Gespräche mit ihm.
„Wir wollten etwas machen, was in Wien unmöglich wäre. Etwas, das nur an so einem Ort funktionieren kann.“ Wäre die Veranstaltung etwa im Museumsquartier in Wien, gäbe es ein ständiges Kommen und Gehen. Die Konzentration, die Nicht-Eile könne man nur dort aufbringen, wo es nichts anderes zu tun gibt, außer höchstens im Nebel spazieren zu gehen. Scholten und Schindel wollten auch nichts touristisch Opportunes machen. „Deshalb haben wir uns für die Zeit entschieden, in der nur überzeugte Waldviertelfans ins Waldviertel kommen.“
Die Hälfte der 1300 Karten wird in der Region verkauft. Was aber macht die Weltliteratur mit den Heidenreichsteinern? „Bei Kunst kann man keinen Wirkungsgrad messen“, sagt Scholten.
Bei Geld schon. Geld lässt sich zählen. 2005 führten einige Aktivisten die Regionalwährung „Waldviertler“ im Waldviertel ein, um so dem Kaufkraftabfluss ein wenig entgegenzuwirken und den Einkauf in regionalen Geschäften zu fördern. In den meisten Orten ist die Initiative versandet. Doch in Heidenreichstein wird sie hochgehalten. Mit Literatur hat das nichts zu tun. Aber mit einer gewissen Widerständigkeit, die wohl auch durch Kunstgenuss genährt wird. Nur eine Vermutung.

Economy Ausgabe 85-06-2010, 25.06.2010