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19. Januar 2018

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Umwelt beeinflusst kindliche Aggressionen

Umwelt beeinflusst kindliche Aggressionen© Bilderbox.com

Forscher untersuchen soziale Verhaltensweisen bei Zwillingen unterschiedlicher Alterstufen.

Aggressives Verhalten verringert sich bei den meisten Kindern, wenn sie älter werden. Eine Zunahme oder Abnahme der Aggression zwischen dem sechsten und zwölften Lebensjahr ist dabei durch verschiedene Umweltfaktoren beeinflusst und nicht ausschließlich genetisch vorbestimmt. Zu diesem Schluss kommt Stéphane Paquin von der Université de Montréal, er und sein Team haben bei 555 Zwillingspaaren proaktives und reaktives aggressives Verhalten untersucht. Ergebnis: Im Alter von sechs Jahren verfügen beide Arten der Aggression großteils über die gleichen genetischen Faktoren.

Alter entscheidend
Laut Paquin wird zu oft vergessen, dass Aggression ein wesentlicher Bestandteil der sozialen Entwicklung von Kindern ist. "Menschen zeigen zwischen zwei und vier Jahren die meiste Aggression gegenüber ihren Gleichaltrigen." Werden Kinder älter, lernen sie mit ihren Gefühlen umzugehen, mit anderen zu kommunizieren und Konflikte zu händeln. Sie lernen, ihr proaktives und reaktives aggressives Verhalten zu lenken", resümiert Paquin.
Bei proaktiver Aggression geht es um physisches oder verbales Verhalten, das darauf abzielt zu dominieren oder einen persönlichen Vorteil auf Kosten anderer zu erlangen. Bei reaktiver Aggression handelt es sich um die Reaktion auf eine wahrgenommene Bedrohung. Manche Kinder weisen nur reaktive Aggression auf. Allgemein hängen diese beiden Verhaltensweisen jedoch eng zusammen.

223 Paare untersucht
Die Daten der Zwillinge aus Quebec beinhalten 223 Paare eineiiger Zwillinge und 332 Paare zweieiiger Zwillinge. Nur so ließe sich feststellen, ob individuelle Unterschiede bei proaktiver oder reaktiver Aggression auf genetische oder umweltbedingte Faktoren zurückzuführen war. Dass aggressive Verhalten der Kinder wurde von den Lehrern im Alter von sechs, sieben, neun, zehn und zwölf Jahren beurteilt und dokumentiert. Die Ergebnisse zeigen auch, dass genetische Faktoren, die die Aggression beeinflussen im Alter von sechs Jahren andere sind als jene, die mit Veränderungen des Verhaltens bis zum zwölften Lebensjahr in Zusammenhang gebracht werden.
Damit liegt laut den in "PLOS ONE" veröffentlichten Ergebnissen nahe, dass ein allgemeiner genetischer Reifungsprozess stattfindet. Dazu gehört das Reifen von kognitiven Funktionen wie Planen, das Treffen von Entscheidungen, Kontrolle und Konzentration. Basierend auf diesen Ergebnissen, können die Forscher jetzt spezifische soziale Faktoren untersuchen, die mit Veränderungen der proaktiven und reaktiven Aggression in der Kindheit zusammenhängen.
"Diese Arbeit wird auch direkte Auswirkungen auf die klinische Praxis und Programme zu Prävention haben", betont Paquin. Die Wichtigkeit der Entwicklung verschiedener Präventionsmethoden für proaktive und reaktive Aggression sei damit eindeutig nachgewiesen. Bei reaktiver Aggression sollte, wie in anderen Studien bereits gezeigt, der Fokus auf der Verringerung der Erfahrung der Viktimisierung liegen. Bei proaktiver Aggression sollte der Schwerpunkt auf die Entwicklung von prosozialen Werten gelegt werden.

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Presstext Austria/red, Economy Ausgabe Webartikel, 12.01.2018