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14. November 2018

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„Servas Oide“ - Dialekt als gelebte Sprachkultur

„Servas Oide“ - Dialekt als gelebte Sprachkultur© Bilderbox.com

Forscher der Österreichischen Akademie der Wissenschaften erkunden die Entwicklung des Dialekts. Variationen und der Wandel des Deutschen in Österreich sind dabei ebenso Bestandteil wie Trends im alltäglichen Gebrauch, in der Werbung oder Popmusik.

Fragt man Österreicher nach ihrer Muttersprache, antworten die wenigsten mit: „Deutsch“. Eher spricht man Wienerisch, Steirisch, Tirolerisch oder Kärntnerisch. Und selbst innerhalb der Regionalsprachen gibt es eine bunte Vielfalt an Mundarten. Dialekte sind gelebte Sprachkultur und sie erleben als regionales Kulturgut ein Comeback. Im Alltag, in Popmusik, Werbung oder auch in der Sprache von Politikern. Zuvor waren sie lange Zeit als „hinterwäldlerisch“ verschrien und insbesondere durch das überregionale, „hochdeutsche“ Fernsehen weitgehend ignoriert.

Die Variationslinguistin und der Soziolinguist
Vielfalt und Wandel österreichischer Variationen mit Mundarten, Umgangssprachen und Hochdeutsch interessiert auch Alexandra N. Lenz und Manfred Glauninger vom Austrian Centre for Digital Humanities der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Wie und warum macht man in Österreich von verschiedenen Varietäten des Deutschen Gebrauch? Welche Assoziationen und Wertungen rufen Dialekte, Umgangssprachen- und Standardvarietäten bei den Sprechern hervor?
Zu diesen Fragen forschen die Variationslinguistin Lenz und der Soziolinguist Glauninger im Spezialforschungsbereich „Deutsch in Österreich. Variation – Kontakt – Perzeption“ in einem vom Forschungsförderungsfonds für die Wissenschaftliche Forschung (FWF) finanzierten Gemeinschaftsprojekt mehrerer Universitäten und der ÖAW.

Dialekt hat in Österreich nach wie vor Prestige
„Die Befürchtung, dass Dialekte aussterben, ist eine alte Befürchtung, die uns seit Jahrhunderten begleitet. Dennoch können wir gerade in Österreich eine relative Stabilität der Dialekte feststellen, besonders in ländlichen Räumen. Diese Stabilität zeigt sich in einer großen Zahl, auch jüngerer, DialektsprecherInnen“, erläutert Alexandra N. Lenz. „Das entscheidende Moment sind sicher die Einstellungen, die gegenüber Dialekten herrschen, die Bewertungen, mit denen sie versehen sind. In Österreich hat der Dialekt nach wie vor ein relativ hohes Prestige“, so Lenz.
„Der Gebrauch des Dialekts ist mit bestimmten kommunikativen Funktionen verknüpft. Er erzeugt eine bestimmte Atmosphäre, die im Gespräch wirksam wird“, erklärt Manfred Glauninger. „Gerade dann, wenn der Dialekt in der alltäglichen Kommunikation nicht mehr durchgehend verwendet wird, kann er bedeutende andere kommunikative Funktionen erfüllen – etwa als Mittel zur Signalisierung von sozialer Nähe oder auch Ironie“, so Glauninger.

Von Bio-Lebensmittel zum Gangsta-Rap
Bestimmte Produkte in unseren Breiten lassen sich mit Dialekt-Signalen besser vermarkten, etwa Bio-Lebensmittel. Auch Tourismus-Regionen setzen auf die Klischee-Vorstellungen, die der Dialekt transportiert. Zudem gibt es aktuell erneut eine Dialekt-Welle in der österreichischen Popmusik, beispielsweise Gangsta-Rap im Dialekt und abseits ihrer Musik sprechen die Rapper oft keinen Dialekt, so weitere Erkenntnisse der Forscher.
Von zwei Forscherkollegen Barbour und Stevenson als die wahrscheinlich „vielgestaltigste Sprache Europas“ eingestuft, ist Deutsche für Alexandra Lenz „gerade in Österreich besonders facettenreich und dynamisch“. In kaum einem anderen Land gäbe es „so viele verschiedene und immer noch lebendige Varietäten innerhalb des Deutschen, wie Dialekte, Umgangssprache, „Hochdeutsch“ oder Jugendsprache.“ Diese Vielfalt sei „sprachgeschichtlich in einer historisch über Jahrhunderte weg gewachsenen Mehrsprachigkeit verankert“, so Lenz.

Langjährige Expertise in den Sprachwissenschaften
Angesprochen auf das aktuelle Internet-Zeitalter meint Glauninger, dass „noch nie zuvor in der Geschichte so viele Menschen so viel gelesen und geschrieben wie heute, vor allem junge Menschen mittels ihrer Smartphones“. Dies sei eine „explosionsartige Zunahme von schriftsprachlich basierter, global ausgreifender Kommunikation“ und sie wird „mit Sicherheit den Sprachwandel auch im deutschen Sprachraum beeinflussen“, so Glauninger.
Alexandra N. Lenz ist stellvertretende Direktorin des Austrian Centre for Digital Humanities der ÖAW, wo sie die Forschungsabteilung „Variation und Wandel des Deutschen in Österreich“ leitet. Seit 2016 leitet sie zudem das ÖAW-Langzeitprojekt „Wörterbuch der bairischen Mundarten in Österreich (WBÖ)“. Sie lehrt Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Wien.
Manfred Glauninger ist Soziolinguist am Austrian Centre for Digital Humanities der ÖAW und Projektleiter in der Abteilung „Variation und Wandel des Deutschen in Österreich“. Er lehrt an der Universität Wien und leitet das Projekt „Österreichische Dialektkartographie 1924–1956“, das vom ÖAW-Programm go!digital gefördert wird.

Links

red/mc, Economy Ausgabe Webartikel, 02.11.2018