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22. April 2019

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Religion und Politik

Religion und Politik© Bilderbox.com

Die Bruchlinien in Europas Gesellschaften entstehen zunehmend durch Wertefragen. Religion kehrt zurück auf die politische Agenda. Eine Konferenz der Österreichischen Akademie der Wissenschaften untersucht die aktuellen Entwicklungen.

Seit einigen Jahren werden gesellschaftliche Kontroversen mit zunehmender Vehemenz ausgetragen. Immer öfter ist die Rede von einer gesellschaftlichen Polarisierung, die von populistischen Parteien und sozialen Medien befeuert wird. Mittlerweile steht sogar die liberale Demokratie auf dem Prüfstand, nicht nur in Polen und Ungarn, sondern auch in anderen Ländern Europas und in den USA unter Donald Trump.

Beibehalten patriarchaler Strukturen
Aktuell neu ist dabei, dass sich die Politik wieder auf die Religion beruft. Die Forderung, Abtreibung mit Mord gleichzusetzen, aber auch die Ablehnung Homosexueller und von Minderheiten sowie ein Beibehalten patriarchaler Strukturen „hallen dabei vor allem aus dem Eck der russisch-orthodoxen Kirche, die seit dem Ende der Sowjetunion wieder an Einfluss gewann“, so die Akademie der Wissenschaften in der Ankündigung zur Veranstaltung.
Die „christlichen Werte“ müssten geschützt werden, propagieren Konservative in Russland, Polen und anderen Ländern im Osten Europas. Die Kirche bedient sich der Politik, um wieder gehört zu werden, die Politik bedient sich der Kirche, um bestehende Wähler zu erreichen oder neue zu gewinnen.
 
Globale Werte-Kontroversen
Doch auch in Mittel- und Westeuropa mischen sich zusehends religiöse Argumentationen in brisante Wertedebatten. Hier berufen sich vor allem rechtspopulistische Parteien auf traditionelle Werte, die teils konträr zu liberalen Gesellschaften stehen. Antiliberale Traditionalisten vernetzen sich über Sprach- und Konfessionsgrenzen hinweg und tragen ihre religiöse und politische Agenda in den gesellschaftlichen Diskurs und in internationale Institutionen.
All diese Punkte sind die zentralen Erkenntnisse des 2016 gestarteten Forschungsprojekts „Postsecular Conflicts“ an der Universität Innsbruck, das auf insgesamt fünf Jahre angesetzt ist und nun bei einer Konferenz in Kooperation mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Wien (Anm. 7. und 8. Februar) eine Halbzeit-Bilanz zieht.
Auf der international besetzten Liste der Vortragenden findet sich auch James Davison Hunter von der University of Virginia, der mit seinem Anfang der 1990er Jahre erschienenen Werk „Culture Wars: The Struggle to define America“ nachhaltig für Aufsehen sorgte. Knapp drei Jahrzehnte später erneuert der US-Soziologe seine Thesen im Licht der aktuellen politischen Lage. Mit Hunter diskutierten Olivier Roy (European University Institute Florence), Susanna Mancini (University of Bologna) oder Ivan Vejvoda (Institut für die Wissenschaften vom Menschen).

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red/mc, Economy Ausgabe Webartikel, 08.02.2019