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11. Dezember 2019

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Pflanzen erobern ehemalige Gletscherflächen

Pflanzen erobern ehemalige Gletscherflächen© OeAW

Freie Flächen nach Gletscherschmelzungen werden rasch von Pflanzenwelten bewachsen und diese verringern Murenabgänge. Dieser Nachweis gelingt Forschern der Österreichischen Akademie der Wissenschaften durch Kombination von Satellitenbildern mit ökologischen Messungen.

(red/czaak) Die heimischen Gletscher schmelzen immer schneller und das bringt neue Gefahren wie Muren und Gerölllawinen mit sich. Um dieses Risiko besser beurteilen zu können, ist es wesentlich, die Vegetationsentwicklung auf den betroffenen Flächen zu kennen. Dort wo das Erdreich von Wurzelwerk durchzogen ist, besteht etwa ein niedrigeres Risiko für Murenabgänge. Die Wurzeln verlangsamen entsprechend auch bei Regen den Abtrag des Untergrundes.

Wie aktuell nun Forscher des Instituts für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in einer fachübergreifenden Zusammenarbeit herausfanden, erobern Pflanzen diese durch Gletscherschmelze freigewordenen Flächen außerordentlich schnell. Beteiligt an Forschungsprojekt und Studie waren Andrea Fischer (OeAW), Thomas Fickert (Universität Passau) für die Vegetationserhebungen, Gabriele Bippus (Firma Enveo) für die Analyse der Satellitenbilder und die Glaziologen Gernot Patzelt sowie Günther Groß steuerten ihre Langzeitbeobachtungen bei.

Jahrhundertelange Entwicklung
Der Rückgang der heimischen Gletscher ist seit Jahrzehnten dokumentiert. So hat der Jamtalferner im Tiroler Silvrettagebirge seit 1864 mehr als 53 Prozent seiner Fläche verloren. Durch eine neue Kombination von Satellitendaten und im Gelände erhobener Daten zur Vegetationsentwicklung konnten die Forscher nun noch genauer beobachten, wie sich die Pflanzendecke über die letzten Jahrzehnte entwickelt hat.

Die Studie zeigt, dass die Zahl der unterschiedlichen Pflanzenspezies am Jamtalferner von zehn bis 20 nach nur wenigen Jahren der Eisfreiheit auf bis zu 50 nach einem Jahrhundert anstieg. „Die Pflanzenwelt erobert in relativ kurzer Zeit Flächen zurück, in denen zuvor über Jahrhunderte keine Pflanze gedeihen konnte. Diese Dynamik war uns vorher nicht bekannt“, sagt Andrea Fischer von der ÖAW, Leiterin der aktuellen Untersuchungen am Tiroler Jamtalferner.

„Die Besiedelung der jüngst eisfrei gewordenen Gletschervorfelder scheint heute tatsächlich schneller abzulaufen als nach dem Ende der Kleinen Eiszeit, obwohl sich die hier beteiligten Arten und Besiedelungsprozesse nicht grundlegend von den damaligen unterscheiden“, erläutert Geograph Thomas Fickert.

Bessere Risikoabschätzung des Klimawandels
Durch die Gletscherschmelze kommt einerseits Schutt an die Oberfläche, der zuvor unter Eis gelegen ist sowie zu vermehrten Felsstürzen durch die Labilisierung der Felsformationen. Als indirekte Folge des Klimawandels steigt dadurch das Risiko für Muren und Gerölllawinen. Durch eine stabilisierende Funktion kann die nachwachsende Vegetation diese Gefahr vermindern. „Unsere neue Methode, Satellitenbilder und Erhebungen des Pflanzenwuchses kombiniert zu analysieren, hilft diese Risiken im Alpenraum besser abzuschätzen“, erklärt Fischer.

In Folgestudien soll die Methode optimiert und auf weitere Gletschergebiete in Österreich ausgeweitet werden, auch um Pflanzenwachstum und geologische Folgen im Hochgebirge noch genauer analysieren zu können. Das OAW-Institut widmet sich ergänzend dazu auch dem kürzlich gestarteten Forschungsprojekt “Hidden Ice“, wo es um den Sedimenttransport im Vorfeld von Gletschern und dessen Gefahrenpotential für Alpentäler geht.

red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 04.10.2019