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22. April 2019

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Das faszinierende Schaltzentrum des Menschen

Das faszinierende Schaltzentrum des Menschen© Piqs.de/Steve Juvertson

Im Rahmen der weltweiten „Woche des Gehirns“ erörterten Spitzenforscher und junge Wissenschafter in Innsbruck neue Erkenntnisse zum Thema Neurowissenschaften.

Welchen Einfluss hat Alkohol auf unser Gehirn? Wie finden Nervenzellen ihr Ziel? Welche Unterschiede gibt es bei weiblichen und männlichen Gehirnen? Ist eine Heilung von Hörverlust in Sicht? Was sieht ein Neuropathologe im Gehirn? Diese und weitere Themen behandelten Tiroler Spitzenmediziner und Nachwuchsforscher diese Woche im Rahmen der internationalen „Woche des Gehirns 2019“ in Innsbruck.

Neuste Erkenntnisse der Neurowissenschaften
5,8 Millionen Kilometer lang sind die Nervenbahnen in einem erwachsenen Gehirn. 80 Milliarden Nervenzellen befinden sich in der Schaltzentrale des Menschen, von dem aus alle lebenswichtigen Funktionen gesteuert werden. „Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten sehr viel über das Gehirn gelernt, aber die Funktionsweise ist derart komplex, dass wir zur Entwicklung neuer Therapien auf weitergehende Forschungserkenntnisse angewiesen sind“, erklärte Christine Bandtlow, renommierte Neurobiologin und Vizerektorin für Forschung und Internationales an der Med-Uni Innsbruck.
Die Neurowissenschaften sind ein Forschungsschwerpunkt der Medizinischen Universität Innsbruck und die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses ist ein Kernanliegen. Erstmals wurde daher eine eigene Abendveranstaltung von NachwuchswissenschafterInnen gestaltet, die insbesondere auf die „kleinen Unterschiede“ im Gehirn und damit auf Gender- und Diversity-Aspekte, eingingen.

Die Programmschwerpunkte
Die nachfolgende Auswahl gibt einen Überblick zu den Programmschwerpunkten. Das Thema des Vortrags von Johannes Haybäck (Institut für Pathologie, Neuropathologie und Molekularpathologie) lautete „Der Blick ins Gehirn: Was sieht der Neuropathologe?
Die Inhalte: Bereits jeder vierte Mensch in der EU hat eine neurologische, neurodegenerative oder psychische Erkrankung. Bevor eine Erkrankung behandelt werden kann, ist die richtige Diagnosestellung entscheidend. Mittels modernster molekularer Diagnostik werden Teile des Gehirns bis zur Ultrastruktur untersucht. Muskel- oder Nervenbiopsien ermöglichen es beispielsweise, neurodegenerative Erkrankungen zu diagnostizieren. Auch Tumoren können genau klassifiziert werden. Die richtige Diagnose ist entscheidend für die Therapieauswahl.

Gehirn und Alkoholkonsum
Stefan Kiechl (Univ.-Klinik für Neurologie) befasste sich mit dem Thema „Wie Alkohol das Gehirn beeinflusst.“ Die Inhalte: Der Konsum alkoholischer Getränke ist ein häufiger Bestandteil von gesellschaftlichen Events. Welche Auswirkung hat Alkohol auf die Gesundheit und das Gehirn? Kommt es speziell auf die Dosis an?
Kiechl referierte über negative und positive Effekte von Alkohol auf das Gehirn und Erkrankungen des Gehirns, insbesondere Schlaganfall und Demenz. Dazu erklärte er, wie ein „Kater“ entsteht, warum Frauen weniger Alkohol vertragen als Männer, ob die Qualität des alkoholischen Getränkes von Bedeutung ist und praktische Tipps, wie man Gesundheit fördern kann ohne ganz auf Alkohol zu verzichten.

Die Ziele von Nervenfasern
Christine Bandtlow (Sektion für Neurobiochemie) erläuterte das Thema „Wie Nervenfasern ihre Ziele finden“. Ihre Inhalte: Nervenzellen sind darauf spezialisiert, Informationen aufzunehmen, zu verarbeiten und weiterzuleiten. 100 Milliarden Nervenzellen bilden ein hochkomplexes Netzwerk, welches sich laufend verändert. Doch woher wissen eigentlich unsere Nervenzellen, mit welchen ihrer Nachbarn sie sich verknüpfen müssen? Wie entstehen diese Verknüpfungen und was erhält sie? Können falsche Verknüpfungen wieder korrigiert werden? Von diesen Mechanismen hängt ab, wie Menschen denken, lernen und an was sie sich erinnern.
„Wenn wir beispielsweise an Alzheimer erkranken, funktioniert dieses System nicht mehr und wir werden vergesslich“, so Christine Bandtlow. Die Erforschung der Gehirnentwicklung sowie seiner Mechanismen in der Ausbildung von neuronalen Netzwerken spielt eine entscheidende Rolle im Verständnis sowie der Behandlung von neuronalen Krankheiten wie Autismus, Schizophrenie oder Epilepsie.

Hörverlust und die sozialen Folgen
Michael Leitner (Sektion für Physiologie) befasste sich mit dem Thema Hörverlust. Seine Inhalte: Hörverlust ist eine der häufigsten Erkrankungen und betrifft Neugeborene ebenso wie Menschen im hohen Alter. Die Folgen können dramatisch sein: Kinder mit einer angeborenen Hörbeeinträchtigung können eine verzögerte Sprachentwicklung aufweisen und Hörverlust im Alter geht häufig mit sozialem Rückzug einher. Dies steigert das Risiko für Demenz und Depressionen. Leitner erläuterte in seinem Vortrag die Funktionsweise des Gehörs und die häufigsten Ursachen für Hörverlust.
Dazu zählen die sogenannte Altersschwerhörigkeit und Lärmschäden, aber auch Genmutationen und Schadstoffe. Anlass zur Hoffnung bei Behandlungsoptionen geben neueste Forschungserkenntnisse. „Weltweit arbeiten Wissenschafter daran, medikamentöse Strategien und gentherapeutische Maßnahmen gegen Hörverlust zu entwickeln. Bei Letzterem sollen Viren eingesetzt werden, um defekte Gene zu ersetzen. Auch eine Stammzellentherapie könnte eines Tages dazu führen, verlorengegangene Sinneszellen im Innenohr zurückzugewinnen“, so der Physiologe Michael Leitner.

Der kleine Unterschied oder Frau und Mann
Zum Thema „Der kleine Unterschied im Gehirn: Gender- und Diversity-Aspekte in den Neurowissenschaften“ präsentierten schließlich PhD-Studierende neue Ergebnisse ihrer wissenschaftlichen Arbeiten. Die Inhalte hier: Thomas Töll (Univ.-Klinik für Neurologie, Arbeitsgruppe Schlaganfall und Atherosklerose) untersuchte im Rahmen des Stroke Card Projektes, ob Frauen und Männer in Tirol gleich schnell und gleich gut behandelt werden. Zudem: Es heißt, Frauen hätten häufiger Kopfschmerzen als Männer. Dies trifft allerdings nur für einzelne Kopfschmerzarten zu.

Florian Frank (Univ.-Klinik für Neurologie, Arbeitsgruppe Kopf- und Gesichtsschmerz) berichtete über geschlechtsspezifische Unterschiede bei Migräne und anderen Kopfschmerzarten. Und: Die REM-Schlaf-Verhaltensstörung ist eine Erkrankung mit lebhaften und oft unangenehmen Träumen, die auch ausagiert werden. Diese Erkrankung ist häufig ein Frühzeichen einer Parkinsonerkrankung. Ambra Stefani (Univ.-Klinik für Neurologie, Arbeitsgruppe Neurologische Schlafmedizin) erforscht und erläuterte die Trauminhalte sowie die Ausprägung der Bewegungen im Traum-Schlaf von Frauen und Männern.

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red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 14.03.2019